Von Tanja Schreiner

 

 

„Das Wort Graffiti bezeichnet jede Schrift- oder Zeichenform, die der Mensch auf Wänden gemalt hat“, erklärt der Kunsthistoriker Christian Omodeo. Theoretisch gibt es Graffitis also schon seit der Entstehung des Menschen, der schon immer auf Wänden geschrieben hat“. Was man heute als Graffiti bezeichnet, ist Ende der 1960er Jahre in New York und Philadelphia entstanden – zwei Städte, die zu dieser Zeit eine schwere soziale und wirtschaftliche Krise erlebten. Jugendliche, die vor allem aus Problemvierteln kamen, fingen damals an, sich Straßennamen zu geben und sie auf die Mauern ihrer Viertel zu sprayen.

 

„Es war ein Aufstand, eine Ablehnung der Autorität. Die Herrschaft der Marginalisierten, einer sich in der Minderheit befindenden benachteiligten Jugend, die ihr Leben in die Hand nahm und etwas erschuf, wohingegen die Gesellschaft ihnen nichts gegeben hatte“, erklärt der amerikanische Fotograf und Autor des ersten Buchs über den französischen Graffiti, Henry Chalfant, in dem Film Writers, 20 ans de graffiti à Paris. „Mit dem Graffiti haben sie die Schwierigkeiten, die mit ihrer sozialen Situation verbundenen waren, überwunden. Und das ist etwas, womit sich die ganze Welt identifizieren konnte.“

 

Von Stalingrad bis zum Louvre

 

Zu Beginn der 1980er Jahre tauchten Graffitis in verschiedenen europäischen Städten wie Paris, London, Amsterdam oder München auf. Der erste Sprayer in Paris war „Bando“, der die Spraykunst auf einer Reise nach New York entdeckte und sie in die Straßen der französischen Hauptstadt brachte.

 

Mit einer kleinen Runde von Sprayern schuf er an den Seineufern oder dem Bauzaun vor dem Louvre die Anfänge des Pariser Graffiti. Ein unter den Sprayen besonders beliebter Ort war außerdem das ungenutzte Gelände bei der U-Bahnstation Stalingrad: „Wenn es regnete, lag dieser Geruch von verrosteten Spraydosen in der Luft. Die Graffitis, im Verhältnis zu dieser organischen und gleichzeitig zerklüfteten Umgebung, das war fanstatisch. Das hatte eine gute Energie. Wir haben einen Ort geschaffen, es war eine Freiluftgalerie“, erzählt der Sprayer „Skii“ in Writers.

 

Das Gelände bei Stalingrad entwickelte sich auch zu einem Ort, an dem sich HipHopper und Sprayer trafen. „Graffitis kamen vor dem HipHop auf, sie haben also eine vom HipHop unabhängige Linie. Aber gleichzeitig ist es eine Sprache, die der HipHop noch heute spricht“, betont Omodeo. „Man kann Sprayer sein aber keinen HipHop hören, aber man kann keinen HipHop machen und sich nicht für Graffitis interessieren.“

 

Kunst für die einen, Vandalismus für die anderen

 

© Sipa

 

Ab der 1990er Jahre nahmen die Graffitis das Zugnetzwerk in der Großregion Paris ein: U-Bahnen, S-Bahnen, Züge. „Man sah fast keine unbesprayten Züge mehr auf den Schienen fahren“, berichtet Christian Omodeo. Das Transportunternehmen RATP fing daraufhin einen erbitterten Kamp gegen die Graffitis an, der es laut eigenen Angaben jährlich rund 35 Millionen France kostete.

 

Neben den Zügen machten sich die Sprayer auch Mauern und Rollladen von Geschäften zu eigen. „Das Graffiti ist eine neue Form von Werbung, es ist wilde Werbung. Du wirbst für ein Produkt, und dieses Produkt bist du selbst“, erklärt der Sprayer „Slice“ in Writers. „Als Sprayer zwängst du den Zuschauern deine eigene Werbekampagne auf, auf dieselbe Art und Weise wie Werbung. Der einzige Unterschied ist, dass du niemandem Kohle gibst, weil du dich nicht in ein System eingliederst. Und das konnte niemand akzeptieren.“

 

Die Sprayer, die mittlerweile immer zahlreicher geworden waren, fingen nun mit sogenannten „Tags“ an, einer Art mit dem Marker gemalter Unterschrift. „Gleichzeitig gab es dieses falsche Bild, dass Graffitis etwas gefährliches sind, das aus den Vororten kommt“, erläutert Omodeo. Ab diesem Moment habe sich das Ansehen der Graffitis – von denen zu Beginn noch als „mit bunten, schön anzusehenden und komplizierten Lettern bemalte Wände“ gesprochen wurde – drastisch verschlechtert. Die Gesellschaft fing an, Graffitis als visuelle Verschmutzung und Vandalismus anzusehen.

 

Dieses schlechte Image hing dem Graffiti rund 15 Jahre lang an – bis zum Aufkommen der urbanen Kunst, vertreten durch Künstler wie Banksy, die aus dem Graffitimilieu stammten und sich einen Namen auf dem Kunstmarkt machten. Von nun an sahen die Leute Graffitis nicht mehr als Vandalismus, sondern als eine Form des künstlerischen Ausdrucks an.

 

Graffitis erobern den Kunstmarkt

 

Graffitis sind jedoch nicht mit urbaner Kunst gleichzusetzen. Wie Kunsthistoriker Omodeo erklärt: „Beim Graffiti stehen die Buchstaben im Vordergrund. Jeder Sprayer bestimmt seinen Namen und vervielfältigt ihn unendlich oft auf verschiedenen Oberflächen, oder er spezialisiert sich auf bestimmte Formen. Street Art dahingegen ist eine figurative oder auch abstrakte Form von Kunst. Während Graffitis für Leute außerhalb der Szene schwer zu lesen sind, ist Street Art für jeden verständlich.“

 

Nach der Straße eroberten die Graffitis nun Kunstgalerien und Museen, die sich immer mehr auf diese Kunstform spezialisieren. „Für die Sprayer war es eine große Herausforderung, die urbane Ästhetik in ein nicht urbanes Umfeld zu übertragen“, erklärt Christian Omodeo. Insbesondere in Amerika haben sich Graffitis heute einen festen Platz auf dem Kunstmarkt erkämpft. Einige Werke erreichen sogar Preise von über 100.000 Euro. Aber auch in Europa hat die Anzahl der professionellen Sprayer, die als zeitgenössische Künstler angesehen werden, erheblich zugenommen. Der Erfolg des europäischen, und insbesondere des Pariser Graffiti, dürfte auf dem internationalen Kunstmarkt also nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Par Redaktion ParisBerlin le 7 mars 2018