Von Heiko Klaas und Nicole Büsing

 

 

Männlicher Zerstörungsdrang trifft auf weibliche Anmut: Im Mittelpunkt der Einzelausstellung der deutschen Künstlerin Andrea Büttner, Jahrgang 1972, im Musée régionale d’art contemporain (MRAC) Languedoc-Roussillon im südfranzösischen Sérignan steht die Mehrkanalvideoarbeit « Piano Destructions » aus dem Jahre 2014. Die in London, Frankfurt und Berlin lebende Künstlerin hat zahlreiche Archivaufnahmen von Performances, Happenings und Aktionen zusammengestellt, in denen überwiegend männliche Künstler, darunter Nam June Paik und Ben Vautier, Pianos zerstören. Eine Hochkonjunktur erlebte das destruktive Treiben zwischen den späten 1950er und den frühen 1960er Jahren. Jedoch taucht das Phänomen bis in unsere unmittelbare Gegenwart immer wieder auf.

Nam June Paik etwa sitzt auf einem Stuhl – vor sich ein Klavier. Grinsend fordert er fünf junge, männliche Assistenten immer wieder dazu auf, das Tasteninstrument umzuwerfen. Die schrittweise Zerstörung desselben schreitet von Mal zu Mal weiter voran. Andere greifen zu wesentlich martialischeren Methoden, Äxten oder Hämmern etwa. Manche setzen das Instrument dem Flammentod aus. Und wieder andere hieven die Instrumente auf Hausdächer oder Berge, nur um sie anschließend in die Tiefe zu stürzen.Das Ergebnis ist jedoch jedes Mal das gleiche: Das bürgerliche Repräsentationsbedürfnisse bedienende Instrument wird – oft unter dem Applaus der Zuschauer – zum endgültigen Verstummen gebracht. Purer Vandalismus? Hass auf die Musik? Oder schlicht ein Akt der Befreiung vom bildungsbürgerlichen Fetisch Piano? Die Motivlage ist schwer zu ergründen. Ein Aspekt, der bei ihrer Zusammenstellung von Klavierzerstörungen sofort ins Auge falle, so Andrea Büttner, sei aber die schiere Maskulinität, die dabei ausgelebt werde.

Parallel auf gleich vier Projektionsflächen laufen auf der langen Wand des Ausstellungsraumes die Instrumenten-zerstörungen. Quasi als Kontrapunkt dazu stellt Büttner auf einer fünften, auf der schmalen Wand des Raumes befindlichen Projektionsfläche der puren Destruktion Momente größtmöglicher Harmonie gegenüber: Dafür ließ sie neun anmutige Solopianistinnen romantische Stücke von Chopin, Schumann und ein aufs Klavier adaptiertes Chorwerk von Monteverdi spielen. Das weibliche Spiel setzt bei « Piano Destructions » immer dann ein, wenn der Sound der männlichen Destruktion für ein paar Minuten verebbt. Der berserkerhaften Kakophonie des Zerstörens stellt Andrea Büttner so eine bis ins Detail aufeinander abgestimmte Gemeinschaftsleistung gegenüber.

 

In den Glasvitrinen des grafischen Kabinetts hingegen gewährt Andrea Büttner anhand großformatiger Schwarz-Weiß-Fotokopien Einblick in ihr an Aby Warburg geschultes ikonografisch-ikonologisches Denken. Hier, wo bei stark herabgedimmter Beleuchtung normalerweise die lichtempfindlichsten Werke aus der Sammlung präsentiert werden, zeigt die Künstlerin unter dem Titel « Alle Bilder » eine sehr präzise arrangierte, stark konzeptuell angelegte Retrospektive mit Reproduktionen eigener Werke und Bildern, die ihre künstlerische Entwicklung geprägt haben. Das Bestechende daran ist die Einfachheit und Bescheidenheit der benutzten Materialien.

Andrea Büttner schlägt hier einen weiten motivischen Bogen, indem sie gefundene und eigene Schwarz-Weiß-Fotografien, etwa von Geldautomaten, Brotlaiben, Bikinimädchen, traditionell gewebten Geschirrhandtüchern aus dem Katalog des Retro-Kaufhauses Manufactum, aber auch kunsthistorisch bedeutsame Werke in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander präsentiert. Dem Motiv des Bettlers in der Kunstgeschichte widmet sie dabei ihre besondere Aufmerksamkeit. Daneben sind aber auch Reproduktionen eigener Holzschnitte und Hinterglasmalereien zu sehen.
Andrea Büttner hat bereits an zahlreichen Ausstellungen auf der ganzen Welt teilgenommen, darunter 2010 an der 29. São Paulo Biennale und 2012 an der Documenta 13. Die von der in Marseille beheimateten Ausstellungsmacherin Céline Kopp als Gastkuratorin eingerichtete Ausstellung in Sérignan ist ihre erste Solo-Show in Frankreich. Und sie zeigt eindrucksvoll, wie sich bei Andrea Büttner aus vielen Einzelwerken, Anspielungen, Zitaten, Gesten des Erinnerns und Querverweisen bedeutungsvolle Gesamtzusammenhänge ergeben, die nicht weniger zum Thema haben als grundlegende Fragen an die Eckpfeiler unserer Existenz: Wie wollen wir leben? Was können wir für andere tun? Was brauchen wir? Auf was lohnt es sich zu verzichten? Und wie können wir uns aus den eingefahrenen Gleisen unserer Existenz befreien, um etwas Neues anzufangen?

Andrea Büttner, Musée régionale d’art contemporain (MRAC) Languedoc-Roussillon in Sérignan, bis 19. Februar 2017, www.mrac.languedocroussillon.fr

 

Die Ausstellung auf YouTube…

Par Redaktion ParisBerlin le 9 janvier 2017