Von Jasmin Kohl

 

 

« Die neue französische Jazzgeneration zeichnet sich vor allem durch neue Codes aus », sagt die Sängerin und Pianistin Raphaële Atlan, die selbst dieser neuen Generation angehört. Jazzmusiker von heute experimentierten viel und integrierten andere Musik-Stile wie zum Beispiel Hip-Hop, Klassik oder Rock in ihre Musik. Dieses Phänomen findet sich auch in Atlans zweitem Album « Give It Time » wieder, das im März herausgekommen ist. Inspiriert von ihren Reisen nach New York und Brasilien, finden sich  lateinamerikanische Rhythmen sowie Folk-Elemente in dem Album der Pariserin. « Alles, was wir erleben, lassen wir in unsere Musik einfließen », sagt auch Thibault Cellier, Kontrabassist der fünfköpfigen Band « Papanosh » aus Rouen. Papanosh wolle sich kein Etikett aufdrücken lassen. Ihre Musik solle « wie ein Haus mit weit geöffneten Türen und Fenstern » sein. « Eine weitere wichtige Veränderung ist, dass unter den jungen französischen Jazzmusikern mehr und mehr Frauen sind », sagt Atlan. Früher seien Frauen in der Jazzszene vor allem als Sängerinnen aufgetreten – mittlerweile seien sie auch vermehrt an Instrumenten zu finden. « Das rüttelt die bei Zeiten etwas verstaubte und männerdominierte Jazzszene auf », so Atlan.


Für Antoine Bos, Generaldelegierter der Association Jazzé Croisé (AJC), zeichnet sich die neue Jazzgeneration durch zwei wesentliche Merkmale aus: Ihre Ausbildung an renommierten « Conservatoires » (französische Musikhochschulen) und die Gründung und Vereinigung in Musikkollektiven. Und welche Rolle spielen diese Musikkollektive konkret? Musikkollektive haben in Frankreich eine lange Tradition. Sie ermöglichen Musikern nicht nur den Austausch, sondern lassen gemeinsame Projekte entstehen und sorgen somit für eine erhöhte Sichtbarkeit der Bands. Seit dem Jahr 2000 wurden sie wieder vermehrt gegründet. Die neuen Musikkollektive möchten die französische Musikszene zu prägen wenn nicht gar zu reformieren und die Unabhängigkeit der Musiker verstärken . Auch die Band Papanosh gehört einem Musikkollektiv namens « Les Vibrants Défricheurs » (Die vibrierenden Wegbereiter) an, das insgesamt acht Bands vereint. Im Zusammenschluss mit vier weiteren französischen Musikkollektiven aus Paris, Tours, Nantes und Lyon ist das Projekt « Collision Collective » entstanden – ein Festival, das von Januar bis Juni jeweils zwei bis fünf Tage in den Heimatstädten der teilnehmenden Musikkollektive stattfindet und Konzerte, Debatten, runde Tische sowie Workshops veranstaltet. Auch Collision Collective möchte die Künstler wieder in den Mittelpunkt des Geschehens stellen und scheut sich nicht, seine Kritik an der gewinnorientierten Plattenindustrie laut zu machen. Das einzigartige Projekt wird am Freitag, dem 24. April um 16.30 Uhr in Form einer Diskussionsrunde auf der Messe Jazzahead! vorgestellt.



Antoine Bos von der AJC begründet den Erfolg der neuen Jazzgeneration auch mit dem allgemeinen Wandel der französischen Musikszene, der bereits in den 1980er Jahren unter dem damaligen Kulturminister Jack Lang angestoßen wurde. « Lang hatte den Willen, die zeitgenössische Musik zu fördern und ihr die notwendige Wertschätzung zukommen zu lassen », so Bos. Auch die AJC selbst gehört zu diesen Maßnahmen – sie fördert französische Jazzmusiker seit 1993 auf nationaler und internationaler Ebene und wird vom französischen Kultusministerium unterstützt. Auch zahlreiche Festivals und Wettbewerbe wurden gegründet. « Diese neuen Mittel haben die französische Jazzszene sehr positiv beeinflusst und führen zu einer erhöhten Sichtbarkeit der Jazzmusiker », sagt Bos. Die neue Jazzgeneration profitiere heute von diesem strukturellen Wandel.


Der von der AJC betreute Wettbewerb « Jazz Migration », der seit 15 Jahren existiert, trägt seinen Teil dazu bei. Jedes Jahr werden drei französische Bands ausgewählt, die die AJC bei der Organisation einer internationalen Tournee unterstützt. Unterstützung ist dabei fast eine Untertreibung, denn die AJC übernimmt für die Bands nicht nur organisatorische und administrative Aufgaben, sondern erstattet ihnen auch sämtliche Reisekosten. Unter den diesjährigen Gewinnern findet sich das Duo « Donkey Monkey », das auf der Jazzahead! (23. bis 26. April) sowie auf dem deutsch-französischen Festival Jazzdor auftritt. Papanosh gewann 2013 den Wettbewerb und konnte sich nach der Tournee über zahlreichen Auftrittsmöglichkeiten und eine vergrößerte Fangemeinde freuen.



Und wie erleben französische Jazzmusiker das deutsche Publikum? Eve Risser von Donkey Monkey erinnert sich besonders gerne an ein Konzert in Weimar, bei dem die Band zwar keiner kannte, das Publikum aber umso neugieriger und enthusiastischer war. « Manchmal ist es sogar schöner, wenn das Publikum einen nicht kennt », fasst Risser zusammen. Nach mehreren Auftritten in Deutschland hat sie eine klare Meinung zum deutschen Publikum: « Es ist sehr kultiviert und kennt sich sehr gut mit Jazzmusik aus. Raphaële Atlan feiert bei ihrem Auftritt am 25. April auf der Jazzahead! dagegen eine Deutschland-Premiere. Daher ist sie sehr auf das deutsche Publikum gespannt, von dem ihr bereits vorgeschwärmt wurde. « Kollegen haben mir erzählt, dass die deutsche Jazzgemeinde sehr herzlich ist und sich gut mit der Musik auskennt », sagt Atlan. 

 

Donkey Monkey spielt am Donnerstag, den 23. April auf der « French Night« , die den musikalischen Auftakt der Messe Jazzahead! (23. bis 26. April) bildet. Auch Papanosh spielt auf der French Night und tritt außerdem am Samstag, den 25. April im Rahmen der « clubnight » um 22.30 Uhr in der Schwankhalle auf.
Raphaële Atlan wird im Rahmen der « Sacem Night » am Samstag, den 25. April mit ihrem Quartett auftreten.
Das komplette Programm der Jazzahead! Finden Sie hier.

Die letzte Station des Festivals « Collision Collective » findet vom 3. bis 5. Juni Paris statt. Zum Programm geht es hier

 

Par Redaktion ParisBerlin le 23 avril 2015