Von Hannah Volland

 

 

Der aus dem Altgriechischen stammende Begriff der « Pareidolie » bezeichnet die Fähigkeit der menschlichen Wahrnehmung, Abstraktes in Vertrautes zu verwandeln und Unbekanntes durch die Verbindung mit Bekanntem zu entschlüsseln. Diesem Phänomen geht der Fotograf Markus Fauvelle in seiner neuesten Ausstellung auf den Grund. Denn seine Werke zeigen die Realität auf eine Art und Weise, die es uns schwer bis unmöglich macht, das ursprüngliche Objekt hinter der Linse klar zu benennen. Stattdessen sehen wir abstrakte Farbpaletten, Landschaften, Pflanzen und andere Formen in den Bildern.

 

Der in Paris und in Charente-Maritime lebende Fauvelle hat seine Leidenschaft für diese Art abstrakter Kunst durch ein Projekt entdeckt, für welches er die Brachflächen und verrosteten Gegenstände auf einem alten Werftgelände fotografierte. Durch diese Aufnahmen wurde er auf die vielen, sich überdeckenden Schichten von Farben und Materialien aufmerksam, die vor allem die Oberflächen der alten Schiffskörper zierten. Als er dann vor dem Bildschirm seines Computers saß und die Aufnahmen bearbeitete, bemerkte er, dass die Bilder nach nur einigen Veränderungen auf einmal etwas ganz Anderes, Neuartiges darstellten. Dieses Etwas ließ ihn nicht mehr los, und so begann er die Fotoreihe « Paréidolie ».

 

© Markus Fauvelle



Neue Blickwinkel ermöglichen

 

Die Serie « Paréidolie » entstand ausschließlich auf dem alten Werftgelände, die Werke zeigen immer wieder die Oberflächen alter Schiffskörper. Das Faszinierende dieser Oberflächen liegt für Markus Fauvelle im Unberechenbaren und Willkürlichen ihrer Strukturen und Farben, die nicht nur Sonne, Sand, Meer und Wind ununterbrochen ausgesetzt sind, sondern auch durch die Hände der Menschen ständig verändert werden. Denn die Schiffe werden getrocknet, geschliffen, gestrichen – und dies immer und immer wieder. Durch das stete Reiben, Schleifen und Bearbeiten der Flächen entstehen immer neue Schichten, die wie die Jahresringe eines Baumes von der vergangenen Zeit zeugen. Dass diese dabei niemals geordnet linear verlaufen, sondern gerade die unregelmäßige, unvorhersehbare Struktur ihr charakteristisches Merkmal ist, hat sie zu einer idealen Vorlage für die abstrakten Darstellungen Fauvelles gemacht. Diese stellen auch für den Fotografen selbst eine ganz neue Ausdrucksform seiner künstlerischen Arbeit dar. « In einer nicht konkreten Repräsentation kann ich während des Bearbeitens die Farben, Formen und Details ganz individuell in die Komposition einbauen. Mit dieser Arbeit befinde ich mich tatsächlich an der Grenze der Fotografie zur Malerei und entdecke dabei bisher vollkommen unerforschte Terrains. »

 

Eine Leidenschaft, die in Deutschland begann

 

In den letzten Jahren hat der Fotograf ausschließlich in Frankreich gearbeitet und ausgestellt. Trotzdem hegt er bis heute eine enge Beziehung zu Deutschland, wo er seinen Militärdienst geleistet und mehrere  Jahre gelebt hat. So war es auch in Deutschland, wo Markus Fauvelle seine ersten Kurse zu Reportagefotografie belegte. In Heidelberg verdiente er sein Geld damit, die Fahrten deutsch-französischer Städtepartnerschaftsprogramme mit der Kamera zu begleiten. Später gründete er in Speyer seinen eigenen kleinen Foto-Klub, der es ihm ermöglichte, Kontakt mit anderen Fotografiebegeisterten aufzunehmen. Dies half ihm dabei, sich einerseits vollkommen in die deutsche Kultur zu integrieren und andererseits, sich professionell weiter zu entwickeln, wie er berichtet. Denn das kulturelle Umfeld aus lokalen Künstlern auf das er hier traf, inspirierte ihn, zu einer ästhetisch-künstlerisch orientierten Fotografie überzugehen.

 

© Markus Fauvelle

 

Die Entwicklung des Fotografen von einer journalistischen Fotografie hin zu abstrakter Kunst lässt sich nun anhand der Serie « Paréidolie » eindeutig feststellen. Den prägenden Einfluss der Jahre in Deutschland auf seine Arbeit als Fotograf kann Fauvelle nicht gänzlich verneinen, und er gesteht, bis heute für das Nachbarland eine große Nostalgie zu empfinden. Dennoch definiert er sich in seiner Selbstauffassung keinesfalls exklusiv über den kulturellen Einfluss der beiden Länder, in denen er maßgeblich gearbeitet hat. « Ich bin schlussendlich Europäer » – anders könne und wolle er sich heute nicht mehr definieren. Und genau wie er seiner Auffassung als Künstler keine geografischen Grenzen setzen möchte, kann auch seine Kunst nur unter Aufhebung der Trennung von Realität und Fantasie aufgefasst werden.

 

Die Ausstellung « Paréidolie » kann vom 17. August bis 17. September 2017 im Centre d’art contemporain in Saint-Palais-sur-mer besucht werden und ist kostenlos.


Am 17./18. November befindet sich die Ausstellung in der Galerie in Neuville-de-Poitou in der Nähe von Poitiers.

Hier geht’s zu einem Video des Künstlers

Par Redaktion ParisBerlin le 17 juillet 2017