Von Birte Förster

 

Eigentlich ist man von Marie NDiaye ganz anderes gewöhnt. Von Flucht, Integration und Identität schrieb die Autorin zuletzt. Nun greift sie mit ihrem neuesten Buch, kürzlich auf Deutsch erschienen, ein Thema auf, das alles andere als politisch ist: das Kochen. Von wohlklingenden Gerichten wie Vol-au-vents mit Camargue-Austern oder mit Armagnac flambiertem Kalbsbries ist die Rede. „Ich habe schon immer gerne gekocht“, erzählt die Autorin im Gespräch. Gerichte aus aller Welt schätze sie. Wieder steht die Lebensgeschichte einer Frau im Mittelpunkt. In Die Chefin. Roman einer Köchin entdeckt eine junge Frau ihr Kochtalent, widmet schließlich ihr Leben den kulinarischen Künsten und wird zu einer Sterneköchin. Aus ihrer Person macht sie ein großes Geheimnis, das sie wie eine schützende Hülle um sich legt. Entsprechend schwer fällt es dem Erzähler, ein ehemaliger Mitarbeiter und der Chefin in vergeblicher Liebe verbunden, ihre Geschichte zu rekonstruieren. In einem Dorf in der Nähe von Bordeaux beginnt die Karriere der ungewöhnlichen Frau. Genau in der Region, in die Marie NDiaye vor einem Jahr mit ihrer Familie zog.

 

„Viel Hoffnung was die kommenden Jahre in Frankreich angeht“

 

Nach neun Jahren in Berlin ist die Autorin wieder in ihre französische Heimat zurückgekehrt. Die Einwanderungspolitik in der Ära Sarkozy hatte sie damals dazu gebracht, Frankreich zu verlassen. In einem oft zitierten Interview hatte sie jene als „monströs“ bezeichnet. Politisch waren die Beweggründe für die Rückkehr in die Heimat wiederum nicht. Sie hätten einfach mal wieder Lust gehabt, woanders zu leben, sagt die 50-jährige Schriftstellerin. Aber die französische Politik wurde nicht zur Nebensache. Sie habe Angst gehabt, dass der Front National die Wahlen gewinnt, aber das sei verhindert worden, sagt Marie NDiaye und fügt hinzu: „Ich habe wirklich viel Hoffnung, was die kommenden Jahre in Frankreich angeht.“

 

Marie NDiaye, ihr Mann, der Schriftsteller Jean-Yves Cendrey, und ihre drei Kinder kommen trotzdem noch regelmäßig nach Berlin. „Wir bleiben mit einem Fuß in Berlin“, sagt sie. Nur ihr Hauptwohnsitz sei eben nicht mehr dort. Gefallen habe ihr in der Hauptstadt vor allem die Einfachheit und dass der Umgang mit den Menschen unkompliziert, niemand arrogant oder versnobt sei. Aber auch ihr jetziger Wohnort ist nicht ihre letzte Station. Sie könne sich gut vorstellen, noch mal in einem anderen Land zu leben. Reizen würde sie Portugal, aber auch in den Vereinigten Staaten würde sie gern eine Weile leben. Mehrere Jahre verbrachte die Autorin mit ihrer Familie bereits in Spanien und Italien, trotzdem spielt dort bisher keines ihrer Bücher. Da sie lange Zeit in Berlin gelebt hat, werde sich die deutsche Hauptstadt eventuell in ihren künftigen Geschichten wiederfinden. „Aber nur im Hintergrund. Der Ort, an dem ich lebe, steht niemals im Mittelpunkt eines Buches.“

 

Von Herkunft und Identität

 

So wie in ihrem Roman Ladivine, dessen Handlung sich über mehrere Generationen erstreckt und teilweise in Berlin spielt. Die Protagonistin Clarisse, die eigentlich Malinka heißt, will ihre Vergangenheit abstreifen, ihre afrikanischen Wurzeln verschleiern. So bricht sie den Kontakt zu ihrer Mutter Ladivine – „die Göttliche“ – ab und verschweigt auch ihrem Ehemann ihre wahre Identität. Die Themen Identität, Herkunft, Europa und Afrika spielen auch in Marie NDiayes Roman Drei starke Frauen, für den sie 2009 mit dem Prix Goncourt geehrt wurde, eine wichtige Rolle. In drei voneinander unabhängigen Erzählungen geht es um die Schicksale dreier Frauen. Die eine ist aus familiären Gründen gezwungen, ihren Vater im Senegal aufzusuchen, eine andere folgt ihrem Ehemann von Dakar in die französische Provinz, die dritte kommt an den Grenzen nach Europa ums Leben. Sie ertragen die Gewalt von Männern in stoischer Würde.

 

Für Marie NDiaye selbst haben ihre afrikanischen Wurzeln weniger Bedeutung. Sie sei zu 100 Prozent französisch, hat sie immer wieder betont. Der Vater verließ die Familie, als sie noch ein kleines Kind war, um in den Senegal zurückzukehren. Aufgewachsen ist Marie NDiaye bei ihrer französischen Mutter, einer Lehrerin, in der Nähe von Paris. So wie die Protagonistin in ihrem neuesten Roman in jungen Jahren ihr Kochtalent entdeckt, machte sich auch Marie NDiayes Schreibbegabung früh bemerkbar. Bereits im Alter von 17 Jahren veröffentlichte sie ihr erstes Buch und entschied sich gegen das französische Eliteschulwesen. Weitere Romane sowie Drehbücher und Theaterstücke folgten. Ihre Erzählungen drehen sich oft um die Lebensgeschichten von Frauen. „Die Frauen sind im Allgemeinen in sich gekehrt, undurchsichtig und geheimnisvoll“, sagt die Autorin über ihre Protagonistinnen. Diesen Aspekt findet man auch bei der Chefin, deren Gedanken stets um die Kreation neuer Gerichte kreisen, während ihr Privatleben verkümmert. Wenn auch Letzteres nicht auf Marie NDiaye zutrifft, teilen beide wohl die Leidenschaft für ihre Kunst.

 

 

 

 

 

 

Par Redaktion ParisBerlin le 1 octobre 2017