Von Cordula Treml

 

 

Eiskalt ist es in Berlin im Winter, die Hackeschen Höfe werden in kurzer Zeit vom wilden Schneetreiben mit einer weißen Schicht überzogen. In einen dicken schwarzen Kapuzenmantel gehüllt kommt Jeanne Balibar in das Café und beginnt sofort, gut gelaunt in akzentfreiem Deutsch zu plaudern. Die Französin erzählt, dass es in ihrer Familie Tradition gewesen sei, schon sehr früh Deutsch zu lernen. Auch wenn dies einen tragischen Hintergrund hat: Die gesamte Familie ihres Großvaters wurde wegen ihrer jüdischen Herkunft nach Auschwitz deportiert. Der Großvater überlebte als Einziger. Er wünschte sich, dass seine Nachkommen sich mit Deutschland versöhnten. Eine Voraussetzung dafür war das einwandfreie Erlernen der deutschen Sprache. So wurde Jeanne jeden Sommer nach Deutschland geschickt, um dort ihre im Gymnasium erworbenen Sprachkenntnisse zu perfektionieren. Beim Sprechen achtet sie darauf, jedes Wort genau zu betonen, sie spricht langsam und sehr ausdrucksvoll. Sie erzählt, wie sie sich bereits in ihrer Jugend für Deutschland interessiert habe – für deutsche Literatur, deutsche Musik und deutsches Kino. Nach dem Abitur verbringt sie zunächst zwei Jahre in England und studiert Geschichte. Zurück in Frankreich absolviert sie das renommierte staatliche Konservatorium für dramatische Kunst, eine der besten Schauspielschulen des Landes. In den folgenden Jahren arbeitet Jeanne in Frankreich häufig am Theater, tritt unter anderem beim Festival von Avignon auf oder im Théâtre de l’Odéon. Auch im französischen Kino macht sie sich schnell einen Namen und spielt in Filmen wie Fin août, début septembre (1999) von Olivier Assayas, Va savoir(2001) von Jacques Rivette, oder kürzlich in Olivier Dahans Grâce de Monaco(2014) mit.

Während die Schauspielerin in einem schlichten, aber eleganten schwarzen Kleid in einem Sessel sitzt, begleitet sie ihre Ausführungen mit sparsamen Gesten. Manchmal stützt sie nachdenklich den Kopf in die Hände, lächelt und nippt an ihrem Cappuccino. Sie erzählt, wie sie der deutschen Kultur über Jahre hinweg treu geblieben sei, in Paris regelmäßig Gastspiele deutscher Ensembles gesehen habe und sich bereits für Frank Castorf begeisterte. « Ich kannte seine Arbeit schon lange als Zuschauerin und er war mein Lieblingsregisseur in Europa. Das Theater von Castorf war für mich schon immer sehr besonders, aber ich hatte nie daran gedacht, dass es möglich ist, mit ihm zu arbeiten. » Diese Möglichkeit ergibt sich 2012, als Castorf am Théâtre de l’Odéon Alexandre Dumas’ Kameliendame inszeniert und dafür französische Schauspieler sucht. Was sie von dieser Zusammenarbeit erwartete? « Dass es spannend, lebendig, hochintelligent, unterhaltsam sein und eine gewisse Radikalität beinhalten sollte – all das war es auch. » Frank Castorf engagierte sie später für weitere Stücke an der Berliner Volksbühne. Dort spielt Jeanne Balibar jedoch ausschließlich auf Deutsch. In den Jahren zuvor hatte sie bereits in deutschen Filmen und Inszenierungen mitgewirkt und nahm die Herausforderung an. « Es bedeutet natürlich eine Einschränkung, weil man nicht alle Möglichkeiten zur Verfügung hat wie in der eigenen Sprache. Aber gerade diese Notwendigkeit, sich ohne auszudrücken, produziert eine neue Freiheit, da man spielerischer sein muss, um Lösungen zu finden. » Und so schildert Jeanne Balibar ihre Theaterarbeit in Deutschland, wo die Probenzeiten kürzer seien als in Frankreich und das Tempo insgesamt schneller. Speziell bei Castorf, der seinen ganz eigenen Rhythmus habe. Als sie zum allerersten Mal mit ihm probte, musste sie unweigerlich an ein berühmtes Mitglied des französischen Theaters denken: Denn Castorfs Arbeitsweise erinnerte sie an das Vorgehen von Molière. So warte er stets auf Inspiration und rege alle Beteiligten dazu an, in ihrer Arbeit noch weiterzugehen. Ähnlich wie Molière mische er dabei Textformen und reichere das Stück mit eigenen, erfundenen Texten an. Danach dirigiere er Technik, Requisite und Schauspieler, denen er den Text vorgebe. « Nach einer Stunde ist Frank fertig und alle Beteiligten auch. Dann sitzen wir zusammen und er wiederholt, was wir gemacht haben, so dass man ein Verständnis davon bekommt und nicht mit falschen Ideen nach Hause geht. »

 

Derzeit spielt Jeanne Balibar an der Volksbühne in zwei Inszenierungen von Frank Castorf, in La Cousine Bette und seit Januar in Kaputt nach dem gleichnamigen Roman von Curzio Malaparte, dessen Frontberichte aus dem Zweiten Weltkrieg die Grundlage dieser « tour de force européenne » bilden. Ab 19. März wird die Französin in einer weiteren Inszenierung von Castorf zu sehen sein, diesmal allerdings am Schauspielhaus Hamburg, wo der Regisseur ein Frühwerk des Hamburger Autors Hans Henny Jahnn, Pastor Ephraim Magnus, inszeniert.

Derartige Ortswechsel sind Jeanne Balibar nicht fremd. Regelmäßig pendelt sie zwischen den Hauptstädten – lebt abwechselnd in Paris und Berlin. Auch wenn sie Berlin liebe, dauerhaft hier zu leben, könne sie sich nicht vorstellen, da Frankreich für sie nach wie vor eine wichtige Rolle spiele. Zum Schluss verrät sie, was sie an Berlin so faszinierend findet: « Berlin ist sehr cool und viel angenehmer als Paris, wenn man durch die Straßen geht und in die Bars. Es gibt dort so eine Lässigkeit, die es in Paris überhaupt nicht gibt. » Und dann verschwindet sie im weißen Berliner Winter.

Par Redaktion ParisBerlin le 5 mars 2015