Von Sylvia Schreiber

 

 

Es gibt sie doch, die europäische Öffentlichkeit. Zunächst erinnert Emmanuel Macron daran, als er zu den Klängen der Europahymne Ode an die Freude als neuer französischer Präsident in den Elysee-Palast einschreitet. Welch ein Signal vor aller Augen! Und welch ein Symbol, dass sich Deutschlands großer Kanzler Helmut Kohl anstelle eines deutschen Staatsaktes eine europäische Trauerfeier zu seinem Begräbnis wünschte. Im Europaparlament zu Straßburg wurde sie gehalten, wo ihm Staatschefs aus aller Welt die letzte Ehre erwiesen.

 

 

Es sind diese Momente, die sich in das kollektive Gedächtnis der Europäer einbrennen und die sich mehren und schärfen werden. Einen besonderen Blick darauf will nun das Haus der Europäischen Geschichte bieten, ein neu eröffnetes Geschichtsmuseum in Brüssel, das über das gemeinsame europäische Erbe als Historie aller europäischen Länder erzählt – von aufgehenden Kometen, von vernichtenden Krisen und Katastrophen und vom zarten Keim der europäischen Einigung

 

„Das 19. Jahrhundert veränderte Europa für immer“

 

 

Nicht die Geschichte jeder einzelnen Nation steht im Mittelpunkt, mehr geht es um die transnationale Sichtweise auf die großen zivilisationsgeschichtlichen Entwicklungslinien des europäischen Kontinents. Ein „Hort des europäischen Gedächtnisses“, heißt es im Ausstellungskatalog. Statt fertiger Antworten: Debatten.

 

 

Dass die Länder der Europäischen Union viel mehr gemeinsam haben als die vielzitierten Richtlinien, zeigt die Ausstellung, die auf sechs Stockwerken zu überraschenden Einblicken einlädt. „Viele Erfahrungen sind doch viel ähnlicher als man zunächst denkt“, sagt die Kunsthistorikerin und Museumsmanagerin, Constanze Itzel bei einem Rundgang durch das Haus. Im Art-Deco-Gebäude einer ehemaligen Kinderzahnklinik im Parc Leopold ist es beherbergt, mitten im Europaviertel.

 

 

In der Schau sind die Freiheitsbewegungen des 19. Jahrhunderts prominent vertreten, die, beginnend mit der Zündung der französischen Revolution, die Funken auf den gesamten Kontinent überspringen ließen, vom polnischen Aufstand 1821 gegen Russland, vom griechischen Unabhängigkeitskrieg gegen osmanische Herrschaft, von Garibaldis Einheitskampf in Italien bis zum Hambacher Fest und der 1848er Revolution in Deutschland. „Das von Aufständen geprägte 19. Jahrhundert veränderte Europa für immer“, sagt die Stimme aus dem Off im zugehörigen Film, der auf überdimensionaler Leinwand läuft.

 

 

Bekanntes, wie das weltberühmte Delacroix-Gemälde Die Freiheit führt das Volk, steht da neben bisher kaum gesehenen, zuweilen ironischen Fundstücken der europäischen Demokratiegeschichte, wie etwa der Mütze des irischen Befreiers oder dem selbstgestrickten dänischen Pulswärmer mit dem weißen Dänenkreuz auf rotem Grund aus Wolle.

 

 

Allein und doch gemeinsam

 

 

Fabriklärm umhüllt die Dampfmaschine, die als Symbol für die Industrialisierung präsentiert ist. Nationalstaat mit Parlamentsmodellen, Dokumente über die Erklärung der Menschenrechte und Zivilgesetze sowie der Einführung des Frauenwahlrechts – so entwickelte sich jedes Land in Europa zwar für sich, aber doch in gemeinsamer Richtung. Auch die französische Guillotine, die Ketten britischer Sklavenhalterei und die Arbeiteraufstände in allen Ländern zeigt die Ausstellung – bis es mit dem Ersten Weltkrieg zur ersten gemeinsamen großen Katastrophe kam. Sogar die Pistole, die sie verursachte, eine belgische Browning, mit der 1914 das Attentat auf den Thronfolger in Sarajewo verübt wurde, gibt es in einer Vitrine zu bestaunen.

 

 

Exponate aus über 300 Museen und Sammlungen aus ganz Europa sowie aus Drittländern wurden für die Ausstellung zusammengetragen und geschickt verbunden in den großen Themenräumen. Ein ganzes Stockwerk ist dem Zweiten Weltkrieg, der Shoah und der Nazibarbarei gewidmet, auf deren Trümmern mit vielen Wendungen die Europäische Gemeinschaft entsteht, und die wiederum, als Bollwerk gegen den Kommunismus im Kalten Krieg genutzt, die weitere Entwicklung Europas bestimmen soll.

 

 

Auf unsicherem Neuland

 

 

Die europäische Einigung liefert der Schau den roten Faden. Ein Historikerteam und Museumskuratoren aus allen europäischen Ländern haben sie konzipiert. Um als europäisches Geschichtsereignis zu gelten, muss das Thema „in Europa entstanden, hinreichend relevant und überall ausgebreitet sein“, erläutert Museumsmanagerin Itzel. Die Hauptdebatten über die Aufnahme einer Entwicklung in die Ausstellung wurden davon bestimmt, „welches Gewicht für die europäische Integration gegeben ist.“

 

 

Dass man sich mit dieser erstmaligen transnationalen Geschichtsdeutung auf unsicherem Neuland bewegt, erleben die Kuratoren anhand der kontroversen Kommentare im Gästebuch jeden Tag. Da beschweren sich die einen, „die spanische Diktatur kommt zu knapp“, manche sehen gar Defizite in der Geschichte der EU und andere wiederum finden die „Armut in Litauen“ verharmlost. „Geschichte in Europa wird noch sehr, sehr national gesehen“, bilanziert die Kunsthistorikerin und sieht sich sogleich durch Einträge wie den des britischen Besuchers darin bestätigt, dass sich das Unterfangen eines Gesamtblicks lohnt. Der Brite schrieb ins Gästebuch: „Jetzt, nachdem ich diese Ausstellung gesehen habe, bedauere ich doch sehr, dass mein Land die Europäische Union verlassen will.“

Par Redaktion ParisBerlin le 1 octobre 2017