Von Cordula Treml

 

Eine tuschelnde Menge drängt sich im Vorraum des amerikanischen Generalkonsulats von Marseille, Menschen jeden Alters, eine Frau mit zwei Hunden, alle machen einen nervösen, unruhigen Eindruck, während sie mit ihren Papieren in der Hand Schlange stehen und sehnlichst darauf warten, endlich vorgelassen zu werden. Plötzlich eilt eine junge elegante Frau in roter Bluse in den Warteraum. Sie wirkt gehetzt und aufgeregt, scheint jemanden unter den Wartenden zu suchen, ihre Augen wandern flüchtig über die Menge. So prompt wie sie erschien, verschwindet sie auch wieder. Wenig später taucht ein junger schlicht gekleideter Mann am Eingang auf und wird von der Empfangsdame mit Nachnamen ausgerufen, woraufhin er ungläubig an der verblüfften Warteschlange vorbei nach vorne stürzt, beflügelt von der Aussicht auf das lang erwartete Transitvisum…

 

Das ist eine Szene aus dem Film Transit, den Regisseur Christian Petzold (Phoenix, Barbara, Yella, Die innere Sicherheit, Gespenster, Wolfsburg) im Sommer 2017 in Marseille drehte und sich dabei von Anna Seghers gleichnamigem Roman inspirierte. Er erzählt von der besonderen Beziehung, die ihn schon jahrelang mit diesem Roman verbindet: „Transit war das Lieblingsbuch meines Freunds Harun Farocki und mir. Wir haben es einmal im Jahr gelesen. Denn ich finde, dass dieser Roman von Anna Seghers eigentlich unsere Geschichte ist: dieses ‚In-die-Welt-Geworfensein’.“ Mit Farocki erstellt Christian Petzold dann auch eine erste Drehbuchfassung und orientiert sich dabei, wie er bekennt, eher an Jean-Luc Godards Außer Atem als an der Haltung von Seghers Roman, die männliche Protagnisten zwar äußerst präzise beschreibt, Frauenfiguren hingegen fast zu Phantomen degradiert, die oft geradezu transparent wirken. Die Handlung von Seghers Roman, in dem die Schriftstellerin ihre eigenen Exilerfahrungen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs verarbeitet, dient Petzold als Folie, die er über das heutige Marseille legt. Die zeitlosen, klassischen Kostüme rücken das Geschehen in einen unbestimmten Zeitkontext. Petzold sieht in der Flüchtlingsgeschichte von damals eine Art „Gespenstergeschichte“, die durchaus einen Bezug zum heutigen Marseille hat. „Für die Exilanten wird die Zeit angehalten und dreht sich nicht mehr weiter. Die Vergangenheit, die sie haben, interessiert niemanden. Eine Zukunft haben sie nicht, sie leben nur im Jetzt. Und das Jetzt nimmt sie nicht auf.“ Diese Gegenwart, die den Menschen jedoch kein Leben bietet, wird zum unentrinnbaren Paradox, das sie letztlich zu Gespenstern macht. Zu Enttäuschten, Ausgestoßenen, die keine Sprache mehr haben und von einem Ort zum nächsten ziehen. Damals wie heute. Denn die Situation der Exilanten, die in den 1940er-Jahren vor dem Nazi-Regime aus Europa auf den amerikanischen Kontinent flüchteten, ist ja der Flüchtlingsbewegung unserer Zeit durchaus nicht unähnlich, allein die Flüchtlingsströme änderten ihr Ziel.

 

 

Marie, die weibliche Hauptfigur aus Transit, ist ebenfalls so eine Getriebene, die auf der Flucht nicht nur ihren Mann, sondern mit ihm auch ihr altes Leben verlor, das sie nun verzweifelt zurückerlangen möchte. Sie bindet sich an einen anderen Mann, lernt in Marseille einen dritten kennen, die namenlose Hauptfigur des Romans, der sich in sie verliebt und wegen ihr seine Fluchtpläne mehrfach ändert. Paula Beer spielt die Marie und beschreibt sehr anschaulich, wie sie sich dieser komplexen, da so schwer zu fassenden Figur zu nähern versuchte: „Für mich war es wichtig, diese Figur zu verstehen, wie sie war, bevor unser Film anfängt, etwa vor acht Monaten. Ich glaube, sie hat sich stark verändert und nähert sich am Ende der Geschichte ihrem alten Selbst wieder ein bisschen an.“ Vor allem die intensiven Gespräche mit Regisseur Petzold und Hauptdarsteller Franz Rogowski halfen ihr im Vorfeld der Dreharbeiten sehr bei der Findung der Figur, die so in einem Gesamtkontext entstehen konnte. „Ich hatte das Gefühl, es war eine offenere Annäherung an die Figur, als ich es bisher erlebt hatte.“ Und Erfahrung hat die junge Schauspielerin bereits jede Menge, denn mit ihren 22 Jahren kann Paula Beer auf eine bemerkenswerte Karriere zurückblicken. Mit 14 wurde sie in Chris Kraus’ Spielfilm Poll entdeckt und dreht seitdem vorwiegend Kinofilme. Der internationale Durchbruch kam 2016 mit ihrer Hauptrolle in François Ozons Frantz, für den sie den Nachwuchsdarstellerpreis bei den Filmfestspielen von Venedig erhielt. Christian Petzold stieß eher zufällig auf Paula Beer, als er nämlich Ozon mit den deutschen Dialogen für Frantz zur Hand ging und sich dabei die Casting-Aufnahmen der jungen Schauspielerin ansah. Ab da war für ihn klar, dass sie seine Marie in Transit sein sollte. Mit beiden Hauptdarstellern arbeitet Petzold zum ersten Mal. Franz Rogowski sah er im Film Love Steaks und war sofort von ihm begeistert.

 

Der Deutsch-Katalane Alex Brendemühl arbeitet zum ersten Mal mit Petzold. In Transit spielt er den mexikanischen Konsul und beschreibt die Arbeit mit Christian Petzold als äußerst angenehm. Er schätzt vor allem die Ruhe und Besonnenheit des Regisseurs im Umgang mit den Schauspielern. Die meisten Teammitglieder arbeiten schon seit vielen Jahren mit dem Regisseur zusammen und der Aufbau eines erprobten Arbeitskollektivs ist auch Petzolds Ziel. Zur Einstimmung auf den jeweiligen Film verbringt Christian Petzold mit der gesamten Gruppe gewöhnlich eine Woche vor den Dreharbeiten, um zu diskutieren und Filme zu gucken. Auch während des Drehs in Marseille versammelt sich das Team an mehreren Abenden auf dem Hoteldach zum Freiluftkino. „Wir schauen uns Filme an, die gar nicht unbedingt inhaltlich etwas mit unserem Film zu tun haben, sondern mit dem Kino allgemein. Wir sprechen dann einfach übers Kino. Denn Filme gucken und Filme herstellen ist oft gar nicht so weit voneinander entfernt.“

 

 

Kinostart in Frankreich: 25. April 2018

Regie: Christian Petzold

Darsteller: Franz Rogowski, Paula Beer, Barbara Auer, Justus von Dohnanyi, Matthias Brandt, Alex Brendemühl

Par Redaktion ParisBerlin le 12 mars 2018