Von Jasmin Kohl

 

 

« Die Ausstellung ist keine Retrospektive, sondern eine Sammler-Ausstellung, die nur einen bestimmten Teil Feiningers Wirkens präsentiert », präzisiert Museumskonservatorin Annette Haudiquet. Zur Verfügung gestellt wurden dem MuMa Feiningers Werke von einem anonymen Sammler, der eine besondere Vorliebe für Feiningers Holzschnitte hegt. Das Herzstück der Ausstellung besteht daher aus insgesamt 89 Holzschnitten. 24 Aquarelle, 22 Zeichnungen und vier Gemälde geben darüber hinaus einen Einblick in die künstlerische Vielfalt des von 1907 bis 1949 tätigen Künstlers. Eine Vielfalt, die sich nicht nur durch verschiedene Techniken, sondern verschiedene Entwicklungsphasen des Künstlers ausdrückt. David Butcher, Kunsthistoriker und Co-Kurator der Ausstellung, sieht Feiningers Werke deutlich durch sein Leben zwischen zwei Welten – USA und Deutschland – geprägt. « Sein Lebensweg hat ihn zu einer Person gemacht, die einerseits die Authentizität und die Einfachheit der Amerikaner, andererseits die Komplexität und die das Reichtum der deutschen Kultur zu schätzen wusste », so Butcher.

Der 1871 in New York als Sohn einer deutschen Musiker-Familie geborene Künstler wandert im Alter von 17 Jahren nach Deutschland aus, wo er den Großteil seines Lebens verbringt. Feininger schreibt sich an der Allgemeinen Gewerbeschule in Hamburg ein, wechselt 1888 an die renommierte Königlich-Preussische Akademie der Wissenschaften zu Berlin und arbeitet als Karikaturist und Zeichner für verschiedene Zeitungen. Besonders auffallend ist die Art und Weise mit der Feininger Menschen zeichnete. Absurde Proportionen – übergroße Füße und kleine Köpfe – die den Personen etwas fantastisches, fast karnevalistisches geben. Auch nach drei Jahren Deutschlandaufenthalt plagt Feininger das Heimweh nach den USA. Er umgibt sich vor allem mit englischsprachigen Freunden und spielt mit dem Gedanken, in die USA zurückzukehren. Doch Feiningers Schicksal führt ihn 1892 im Alter von 21 Jahren nach Paris, wo er sich für sieben Monate ein Atelier mietet und intensiv an seiner Technik arbeitet. 1905 zieht er mit seiner zweiten Ehefrau in die französische Hauptstadt und arbeitet als Karikaturist für Le Témoin. Erst 1907 beginnt er neben Zeichnungen und Karikaturen auch Gemälde zu malen und stellt 1911 im « Salon des Indépendants » in Paris aus. Ein wichtiger Wendepunkt in Feiningers Karriere, denn im Salon entdeckt er den Kubismus, der seine Werke fortan bedeutend prägt. Er inspiriert sich ebenfalls von den Künstlergruppen Blauer Reiter und Die Brücke.

Feininger konzentriert sich in seinen Werken in Folge auf Architektur und Landschaften, die absurd gezeichneten Menschen verschwinden aus diesen völlig. Feininger reist mehrmals nach Weimar, landschaftliche Elemente und Gebäude aus Thüringen finden so Eintritt in seine Werke. Kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs kehrt er nach Deutschland zurück und entdeckt die Technik des Holzschnitts. « Das hatte unmittelbar mit den Kriegsumständen zu tun – Feininger hatte Probleme, sich Farben für seine Gemälde zu beschaffen », erklärt Butcher. Der Künstler ist von der neu entdeckten Technik begeistert, die ihm ein Spiel mit starken schwarz-weiß Kontrasten ermöglicht. 1917 erreicht Feininger in Deutschland einen Bekanntheitsgrad, der 1919 zu seiner Ernennung zu einem der insgesamt drei Lehrer des von Walter Gropius gegründeten Bauhaus führt. Er entfernt sich nach Beitritt zum Bauhaus deutlich vom Kubismus. Feiningers Holzschnitt « Kathedrale » wird zum Sinnbild der Kunstschule, die 1933 mit Hitlers Machtübernahme zur Auflösung gezwungen ist. Die entworfene Kathedrale soll das Werk einer vollendeten Kunst symbolisieren und spiegelt somit den Grundgedanken des Bauhauses wider: Die perfekte Fusion der drei Kunstarten Gemälde, Skulptur und Architektur.

 

 

Vue partielle de l’exposition

 

1937 ist auch Feininger, nachdem er sich lange gegen diese gewehrt hatte, zur Flucht gezwungen. Zum einem ist seine Frau Jüdin, zum anderen wird Feiningers Kunst als entartet bezeichnet und sein Atelier vermehrt von den Nationalsozialisten durchsucht. « Er wehrte sich so lange gegen die Flucht, weil er sein ideales Bild, das er von Deutschland hatte, nicht aufgeben wollte. Er glaubte bis zuletzt, dass sich die Situation verbessern würde », so Konservatorin Haudiquet. Mit 66 Jahren kehrt er also in sein Geburtsland zurück, das ihm zwischenzeitlich fremd geworden ist. Er bleibt bis zu seinem Tod 1956 in den USA.

Der Großteil der Holzschnitte, die die Ausstellung im MuMa Le Havre dominieren, zeigt Gebäude und Landschaften aus der Feiningers Bauhaus-Zeit. Auch maritime Motive wie Fischer und Seeflotten, was angesichts des Standorts des Museums – unmittelbar am Hafen von Le Havre – die Grenzen zwischen Ausstellung und Umgebung verschwimmen lässt. Die Besonderheit Feiningers, die in der Neuinterpretation seiner eigenen Werke besteht, wird den Besuchern durch eine durchdachte Präsentation vermittelt. « Feininger inspirierte sich stets von seiner eigenen Kunst. Das Motiv einer früheren Radierung setzte er beispielsweise später in ein Gemälde um, auch erst viele Jahre später », erklärt Butcher. Um diese Besonderheit erlebbar zu machen, werden die betroffenen Werke nebeneinander präsentiert. Die immense Glasfassade des MuMa durchströmt die Ausstellung mit viel Tageslicht und die Panoramafenster des Museumscafés, das laut Konservatorin Haudiquet das erste seiner Art in Frankreich war, garantieren einen optimalen Ausblick auf die Hafeneinfahrt. Mit etwas Glück wird man sogar Zeuge der Einfahrt eines Containerschiffs.

Ausstellung « Lyonel Feininger – L’arpenteur du monde »
18. April bis 31. August
Montag bis Freitag: 11 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag: 11 bis 19 Uhr
Eintritt: 5 Euro (reduziert: 3 Euro), unter 26 Jahren: kostenlos
MuMa – Musée d’art moderne André Malraux
2 boulevard Clemenceau
76600 Le Havre
www.muma-lehavre.fr

 

Par Redaktion ParisBerlin le 5 mai 2015