Von Nicole Büsing und Heiko Klaas

 

 

Als die Bilder laufen lernten: Am 22. März 1895 führten die Brüder Auguste und Louis Lumière in Lyon den ersten Film der Filmgeschichte vor. Mit selbstgedrehten Kurzfilmen sorgten sie auch für Aufmerksamkeit beim Pariser und Brüsseler Publikum. Die Kultur des bewegten Bildes war geboren. Nur rund ein Jahr später fanden in Athen die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit statt. Mit nur 241 Athleten aus 14 Ländern eine im Vergleich zu den Megaevents von heute eine eher überschaubare Veranstaltung. Doch bis erstmals Filmberichterstatter die olympischen Wettkämpfe aufnehmen sollten, dauerte es noch ein paar Jahre.

 


In London 1908 war es dann soweit: Das älteste filmische Dokument der Olympischen Spiele zeigt den berühmt gewordenen Zieleinlauf des italienischen Marathonläufers Dorando Pietri. Der tragische Held von London brach völlig dehydriert kurz vor dem Ziel mehrmals zusammen. Nur mit der Hilfe von Ärzten und Kampfrichtern erreichte er als Erster das Ziel. Aufgrund einer Beschwerde des amerikanischen Teams wurde ihm der Sieg allerdings aberkannt. Und dennoch begeisterte er die 75 000 Zuschauer im ausverkauften White City Stadium so sehr, dass sein Lauf zur Legende wurde und Queen Alexandra ihm einen Silberpokal als Trostpreis überreichte.

 

Hören und sehen

Dieses erste Filmdokument der olympischen Geschichte ist jetzt neben vielen weiteren historischen Aufnahmen in der Ausstellung « Die Olympischen Spiele. Hinter dem Bildschirm » im Olympischen Museum im schweizerischen Lausanne zu sehen. Die Schau macht erlebbar, wie die Spiele in Radioreportagen, Filmen und der TV-Berichterstattung medial aufbereitet wurden, welche Entwicklungssprünge und Kontinuitäten es gab, aber auch mit welchen technischen Entwicklungen in Zukunft gerechnet werden kann. Der Besucher kann an Hörstationen eintauchen in eine Zeit vor den bewegten Bildern, als Radioreporter vor der Herausforderung standen, allein mit ihrer Stimme einen Eindruck von sportlichen Höchstleistungen, Siegen und Niederlagen zu vermitteln. Er erlebt mit, wie technologische Innovationen die Zuschauerperspektive veränderten. In der Sektion « Ein Sport, viele Länder » kann er erleben, wie vollkommen unterschiedlich ein und dieselbe Szene in verschiedenen Ländern aufbereitet und kommentiert wird. Und er bekommt anschaulich vorgeführt, mit welchen enormen Bild- und Datenvolumen heutzutage gearbeitet wird. Die Macher der Schau haben sich dafür den Zeitraum zwischen 15 und 16 Uhr am 29. Juli 2012 ausgewählt. Während dieser einen Stunde am zweiten Tag der Olympischen Spiele in London liefen zeitgleich 20 Wettkämpfe. Es fielen 33 Entscheidungen an 18 Austragungsstätten. Eine Bildschirmwand mit unzähligen kleinen Monitoren versetzt den Ausstellungsbesucher direkt in den Kontrollraum des Internationalen Medienzentrums und veranschaulicht so die enorme Herausforderung, überhaupt eine repräsentative Auswahl zu treffen. Neben Ton- und Bilddokumenten aus aller Welt sind in der Schau auch Spezialkameras und anderes High-Tech-Equipment zu sehen.

 

Auf Zeitreise

Das Olympische Komitee hat in den vergangenen Jahren 30 Millionen Britische Pfund (ca. 40 Millionen Euro) für die Restaurierung und Digitalisierung von rund 30 000 Stunden Videomaterial und 40 Filmen bereitgestellt. Unter anderem restauriert wurde auch eine Vielzahl der offiziellen olympischen Filme. « Wir haben diese Ausstellung entwickelt, um den Besucher mit auf eine Zeitreise zu nehmen: Von den frühen Anfängen der Olympiaberichterstattung bis hinein in die Zukunft. Wir haben uns dabei bemüht, Funk- und Fernsehaktivitäten auf ebenso anschauliche wie interaktive Art und Weise erlebbar zu machen », so der amerikanische Kurator der Schau, Jim Owens. Das IOC unterhält eine eigene Rundfunkabteilung, die während der Spiele das Rohmaterial für die Rundfunkanstalten zur Verfügung stellt. Deren Direktor, der Grieche Yiannis Exarchos, führte in Lausanne aus, wo die Reise hingehen wird. Bereits in Rio 2016 soll der Zuschauer zu seinem eigenen Regisseur werden. Eine Vielzahl von einzeln ansteuerbaren Kameras und eine neue, mit allen Endgeräten kompatible Plattform namens « Olympic Video Player » (OVP) soll es dann möglich machen, die Spiele nicht mehr nur als festgeschnürtes Paket serviert zu bekommen sondern gewissermaßen « à la carte » (Owens) selbst zusammenstellen zu können. Mit digitalen Applikationen wie Video-on-Demand, Chat- und Share-Funktionen soll vor allem ein junges, den konventionellen TV-Formaten längst abhanden gekommenes Publikum für Olympia zurückgewonnen werden. Schließlich sind die Olympischen Spiele eines der nach wie vor wichtigsten Medienereignisse weltweit.

 

Ausstellung: Die Olympischen Spiele: Hinter dem Bildschirm
Olympisches Museum, Lausanne (CH)
1. Mai bis 19. Oktober täglich 9-18 Uhr
Ab 20. Oktober Di-So 10-18 Uhr, Mo geschlossen
25.12. und 1. Januar geöffnet
Internet: interaktives Webspecial

 

Par Redaktion ParisBerlin le 5 juin 2015