Von Lilian Pithan

 

 

Die Filmbilanz von Lou de Laâge ist beeindruckend: Sie scheut sich nicht, schwierige Rollen zu übernehmen, und hat mit 26 Jahren schon mit einigen Größen des französischen und europäischen Kinos gearbeitet. So zum Beispiel mit Mélanie Laurent in deren Regieerstling Respire (2014), in dem sie die charismatische Schülerin Sarah spielt, die ihre beste Freundin zum Mobbingopfer macht. In L’Attente(2015) von Piero Messina, an der Seite von Juliette Binoche, muss sie als junge Frau mit dem Tod ihres Verlobten zurechtkommen. Und auch in ihrem neuen Film,  Les Innocentes (2016) von Anne Fontaine, geht es um große Krisen: In einem polnischen Kloster werden im Zweiten Weltkrieg mehrere Nonnen vergewaltigt. Neun Monate später ruft man die junge französische Ärztin Mathilde zur Hilfe. Während sie sieben Kinder zur Welt bringt, muss Mathilde sich gegen die unmenschlichen religiösen Überzeugungen der Äbtissin wehren, die die Geschehnisse in ihrem Kloster um jeden Preis vertuschen will.

 

 

Der Inhalt Ihres neuen Films Les Innocentes ist ziemlich brutal. Wie haben Sie sich auf die Rolle der Mathilde vorbereitet?
Ja, das Thema war brutal, aber als Schauspieler tut man natürlich nur so als ob. Man befindet sich ja nicht wirklich in dieser Situation… Viele Filme heutzutage stellen brutale Situationen dar, ohne einen Ausweg aufzuzeigen. Ich fand es in Les Innocentes sehr angenehm, von einem schlimmen Ereignis auszugehen, aber am Ende trotzdem sein Lächeln wiederzuerlangen, eine Lösung zu finden und ein wenig Hoffnung zu machen.

 

 

Wie haben Sie mit den polnischen Schauspielerinnen zusammengearbeitet, mit denen Sie ja nicht direkt kommunizieren konnten?
Das lief eigentlich ganz gut, denn es gab so eine Parallele zwischen der Realität und meiner Rolle im Film. Ich habe mich inmitten all dieser polnischen Schauspielerinnen wiedergefunden, ohne polnisch zu sprechen! Aber Agata Buzek (in der Rolle der Nonne Maria, AdR), mit der ich die meisten Szenen spiele, kann Französisch. Das hat mir natürlich sehr geholfen. Sie hat mich in den Kreis der anderen Schauspielerinnen eingeführt. Ich habe mich so verhalten wie Mathilde, meine Figur, denn ich wollte diese Frauen ja sozusagen zähmen, also in ihre Welt eintreten, ohne zu brüsk aufzutreten.

 

Lou de Laage © Joachim Gern

 

Was ist der Vorteil von europäischen Produktionen, wie zum Beispiel Les Innocentes oder L’Attente (2015) von Piero Messina?
Es ist sehr interessant, mit anderen Nationalitäten zusammenzuarbeiten, weil jeder unterschiedlich vorgeht. Andere Arbeitsweisen zu entdecken erlaubt es auch, seine eigenen Methoden zu bereichern. Man pickt sich überall kleine Dinge heraus, die einen dann stärker machen. Wenn man nicht die gleiche Sprache beherrscht, hat man außerdem keine Zeit, sich in Höflichkeitsbekundungen zu verlieren. Man geht sofort an die Arbeit.

War es für Sie als junge Schauspielerin schwierig, in L’Attente an der Seite von Juliette Binoche zu spielen?
Am Anfang hatte ich vor allem Angst, weil Piero Messina nicht wollte, dass wir uns vor dem ersten Drehtag treffen. Für mich war das zwiespältig, weil ich unter sehr hohem Druck stand. Trotzdem war es richtig, denn der erste Drehtag markiert ja auch das erste Treffen der beiden Figuren (innerhalb der Geschichte, die der Film erzählt, AdR). Sobald ich angefangen habe, mit Juliette Binoche zu arbeiten, habe ich mich aber beruhigt. Sie ist so freundlich und großherzig, dass ich plötzlich gar nicht mehr wusste, warum ich mir so viel Druck gemacht hatte! (lacht)

Welche Rollen würden Sie gerne in Zukunft spielen?
Bis jetzt hatte ich immer das Glück, von den Filmangeboten, die man mir gemacht hat, überrascht zu werden. Das führt mich jedes Mal an ganz andere Orte. Dieses Glück gibt mir auch die Möglichkeit, noch ein bisschen länger unbekümmert zu bleiben. Das verliert man sehr schnell im Leben, deswegen versuche ich, mir das zu erhalten. Es ist auch wirklich schwer, in der Schauspielerei irgend etwas zu planen. Man weiß nicht genau, warum das plötzlich anfängt, warum man selbst und nicht jemand anderes all diese Möglichkeiten bekommt. Ich sage mir regelmäßig, dass all das von heute auf morgen vorbei sein kann. Deswegen muss man das Heute nutzen. Und morgen sehen wir dann weiter!

Les Innocentes
von Anne Fontaine
mit Lou de Lâage
Läuft seit dem 10. Februar in den französischen Kinos

Par Redaktion ParisBerlin le 18 février 2016