Von Elisa Brinai und Valerie Schaub

 

Olivier Rey sitzt in seinem Arbeitszimmer, das gleichzeitig Kassenhäuschen ist. Davor ein Fußabtreter mit dem einladenden Spruch auf Deutsch: « Oh nein! Nicht du schon wieder! » Olivier ist der einzige feste Mitarbeiter im Lavoir Public. Er geht ans Telefon und nimmt Reservierungen an, während im Nebenraum Proben laufen. Er beantwortet die Frage nach dem Scheinwerfer, als der Techniker den Kopf ins Büro steckt, und gibt nebenbei ein Interview. In einem Theater, könnte man meinen, läuft das oft so.

Aber das Lavoir Public ist keines. Es gibt keine Kulisse, hinter der sich die Schauspieler beim Szenenwechsel umziehen können. Es gibt auch keine vierte Wand, die Zuschauer und Darsteller trennt. Es gibt überhaupt keine Trennwände, denn das Lavoir besteht aus einem einzigen Raum. In der Mitte steht ein zwölf Meter langes, weißes Becken, in dem früher Wäsche gewaschen wurde. Heute liegen darauf an manchen Abenden die Bühnenbretter. Alles geschieht hier unter den Blicken der Zuschauer, die sich durch das Geschehen hindurch selbst beobachten können.

Das Lavoir Public ist ein Kulturort in Lyon, der an Berlin erinnert. Die alte Wäscherei aus den 1930er-Jahren ist noch in jedem Winkel des Gebäudes sichtbar: Metallrohre, die sich die Wände entlang hangeln; rechts und links stehen Blechbottiche, über denen Hähne vergebens warten, eines Tages wieder Wasser spucken zu dürfen. Rote, aufgemalte Zahlen an der Wand markieren jeden Waschplatz.

Dort, wo sich Theater normalerweise nicht abspielt, haben Olivier Rey und sein damaliger Kollege, der Videokünstler Julien Ribeiro, es hingebracht. « Ein Theater, das sich nicht an alle richtet, langweilt mich », sagt er. Deshalb bietet sein Lavoir seit der Eröffnung 2012 die unterschiedlichsten Veranstaltungen: Clubabende, Festivals zu zeitgenössischer Dramatik oder neuen Technologien, Kleidertauschpartys, Performances. Reys Theater soll politisch sein, sozial, aus aktuellem Anlass entstehen und die Leute direkt berühren, ohne dass eine Rampe zwischen Bühne und Saal oder eine Konvention in den Köpfen das verhindern könnte.

Wie in Kleinberlin

 

Für ihre Vision haben sich Rey und Ribeiro das alte Industriegebäude angeeignet und diesem kurzerhand das Berliner Etikett « arm, aber sexy » verpasst. « Als wir das erste Mal hierher kamen, dachten wir sofort, wir wären in Kleinberlin », erinnert sich Olivier, der zuvor mit seiner damaligen Truppe in der deutschen Theaterstadt für ein Stück von Brecht probte. Die verschiedenen Salons der Volksbühne oder die dauerhaft geöffnete Bar der Schaubühne haben ihn fasziniert. Sein Lavoir spielt in einer anderen Liga. Es ist gerade mal so groß wie ein Wohnzimmer und niemand hatte jemals vorgesehen, darin Theater zu spielen.

 

Party, Industriegebäude, das reicht, um im Lavoir die Assoziation an Berlin zu wecken. « Man muss wissen, wie die deutsche Hauptstadt von Franzosen gesehen wird », erklärt Joel, der im Dezember mit Eustache McQueer, einem DJ-Duo, im Lavoir auftrat und derzeit in Berlin lebt. « Um Berlin gibt es eine Art Mythos, sie ist die Rebellin der deutschen Städte. Und ja, darin ist sie dem Lavoir ähnlich. »

 

Wegen seiner Andersartigkeit hat das Lavoir Public für Künstler einen großen Reiz. Es ist experimentell und bricht das traditionelle Wahrnehmungsmuster der Guckkastenbühne. Für diesen atypischen Raum werden Stücke geschrieben oder sie bekommen hier ihre Form. « Das Publikum auf beiden Seiten der Bühne zu haben, holt ein Maximum aus meinem Stück heraus », sagt der junge Regisseur Nicolas Zlatoff. Für Regisseure inspirierend, für Schauspieler nicht ganz einfach: « Es ist schwierig, hier zu spielen », sagt Amy, die das heute auf dem Festival « En Actes » zum ersten Mal tut. « So eine Bühne betritt man nicht jeden Abend. Die Pfeiler müssen mit ins Spiel einbezogen werden, aber manchmal tun wir auch einfach so, als wären sie nicht da. » Ja, manchmal sei es nicht optimal, sagt auch Zlatoff. Aber das Wagnis eines Versuchs sei es wert. Für dieses Wagnis lieben es auch viele Besucher.

 

© Ben De Biel

Spontaneität als Trumpf


Das Festival « En Actes », das an diesem Januarabend läuft, bringt neue Autoren mit Regisseuren zusammen, die ihre Texte inszenieren. Es sind Blitzproduktionen. Neun Wochen vorher entstehen die Texte, zum Üben bleibt den ehrenamtlichen Schauspielern eine Woche, jedes Stück wird nur einmal aufgeführt. Es ist spielerisch, wie alles hier, von Anfang an. Genau 365 Tage überlie. der Bürgermeister des ersten Arrondissements Olivier die alte Wäscherei, um dort einen kulturellen Ort entstehen zu lassen. Er zahlte die Miete und den Strom. Aus dem Nichts machten Olivier und Julien ein Programm: « Wir haben damit gespielt und gesagt: Wenn ihr was sehen wollt, müsst ihr jetzt kommen. »

 

Nach 365 Tagen wurde das Projekt mit einer kleinen Förderung auf drei Jahre verlängert. Weil es gut lief. Jetzt, nach der zweiten Verlängerung, seien sie am Limit, sagt Olivier. Die Wäscherei ist immer ausgebucht, alle 50 Plätze belegt. Deshalb denken er und sein Team von Freiwilligen an weitere Orte: Bahnhöfe, Fabriken. Vorerst bleiben das Träume, denn Geld dafür haben sie nicht. Mit einer Subvention von gerade einmal 15% von Stadt und Land kann das Lavoir keine großen Sprünge machen. Fast alles, was Olivier für sich, das Programm und die Künstler hat, bezieht er aus den Partys und dem Verkauf der Eintrittskarten. Für die 30 ehrenamtlichen Mitarbeiter bleibt nur das Versprechen eines unvergesslichen Abends.

 

Wo das Lavoir immer wieder neu an seine räumlichen und finanziellen Grenzen
stößt, tun sich zur selben Zeit nie dagewesene künstlerische Freiräume auf. Auch das ist ein Ergebnis der Strategie, die so berlinerisch ist und dem Ort seinen unvergleichlichen Charme einhaucht: « arm aber sexy », aus dem Verzicht einen Zugewinn zu machen.

Par Redaktion ParisBerlin le 29 mars 2016