Von Jasmin Kohl

 

Herr Schomburg, die Idee für den Film « Vergiss mein Ich » kam Ihnen durch eine Radiosendung, bei der eine Frau vom Verlust ihres biografischen Gedächtnis erzählte. Die Film-Protagonistin Lena Ferben erlebt das gleiche Schicksal. Gibt es weitere Parallelen zwischen den beiden Frauen?
Jan Schomburg: Von der realen Geschichte ist letztendlich fast gar nichts in den Film gekommen außer der Tatsache, dass beide Frauen ihr Gedächtnis verlieren. Ich war relativ schnell davon fasziniert, dass dieser Fall philosophische Implikationen aufwirft und auf seltsame Art und Weise hinterfragt, was eigentlich Identität ist.



Was genau meinen Sie mit « philosophischen Implikationen »?
In der realen Geschichte ist es so, dass die Frau nach ihrer Amnesie nach Hause kommt, ihr Mann sich um sie kümmert, sie aber am Anfang nicht versteht, dass er ihr Mann ist. Sie denkt, es ist ein Pfleger, den sie aber total mag. Ihr Mann versucht ihr also zu erzählen, was für ein Mensch sie war und ich denke, in gewisser Hinsicht ist das im realen Leben auch so. Man wird ja auch von der Umwelt konstruiert, das heißt, die anderen Leute erzählen einem eigentlich, wer man ist und das fand ich so interessant: Man hat einen konkreten Fall, der Implikationen macht, was Identität ist. Wie Lena hat diese Frau große Schwierigkeiten damit, Gesichtsausdrücke von anderen Menschen zu erkennen. All das, was wir intuitiv machen und gar nicht mehr wahrnehmen, dass wir das gerade interpretieren, ist bei ihr – wie auch im Film – logisch erklärt. Also weiß sie nicht intuitiv, dass diese Person traurig ist, sondern sie weiß – ok, die Mundwinkel zeigen nach unten und wahrscheinlich ist das jetzt Traurigkeit.



Haben Sie mit der Frau aus der Radiosendung Kontakt aufgenommen?
Jan Schomburg: Ich habe öfters mit ihr gesprochen, es gibt auch einen Dokumentarfilm über sie, den ich gesehen habe. Persönlich habe ich sie aber nie getroffen.



Hat sie den Film gesehen?
Das weiß ich nicht, ich habe mit ihr nur gesprochen, um eine Anfangsinspiration zu finden. Wir standen weiter aber nicht im Kontakt.



Haben Sie sich über diesen konkreten Fall hinaus mit dem Thema Gedächtnisverlust auseinandergesetzt?
Maria Schrader: Wir haben über diesen Fall hinaus recherchiert und uns mit Neurologen getroffen. Ich habe mich auch mit einer Patientin getroffen, bei der nicht nur eine retrograde sondern auch eine anterograde Amnesie aufgetreten ist. Das passiert in den meisten solcher extremen Fälle. Bei ihr war es also nicht so wie bei Lena, dass sie wieder alles wie ab dem Nullpunkt auf ihre Festplatte draufschaffen konnte, da sie auch mit dem Kurzzeitgedächtnis Schwierigkeiten hatte. Lenas Fall ist  schon sehr skulpturiert, was vor allem damit zu tun hat, dass es sich nicht in erster Linie um eine klinische Authentizität ging, sondern darum, was dieser Fall für Fragen aufwirft.
Jan Schomburg: In der Realität gibt es relativ wenige Fälle, die so extrem sind, dass tatsächlich gar keine Erinnerungen wiederkommen.
Maria Schrader: Ich hatte die Möglichkeit, auch ein paar Interviews mit Menschen zu sehen, die unmittelbar nach ihrer Amnesie interviewt wurden. Häufig tritt der Gedächtnisverlust in so einer starken Form auf, dass man auch emotional keinen Bezug mehr herstellen kann. In Frankreich wird dieser Zustand « La belle indifférence » (Die schöne Indifferenz) genannt, also wie wenn eine Person sich selbst in Watte packt und somit unberührbar wird. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass die Betroffenen Gefühle anderer Menschen nicht mehr interpretieren können, dass man sie selber nicht mehr empfindet und man sich auch in einer Art Rückzug und Unantastbarkeit begibt. Der Ausdruck « La belle indifférence » ist deswegen so schön, weil es das Wort « schön » darin gibt, also gleichzeitig das Grauen mit dem Verführerischen – in manchen Momenten so unberührt zu sein – miteinander verbindet. Wir haben sogar überlegt, ob das nicht ein Titel für den Film sein könnte.



Herr Schomburg, warum haben Sie sich für Maria Schrader als Lena Ferben entschieden?
Jan Schomburg: Ich hatte Maria Schrader zuvor vor allem im Theater spielen gesehen. Als ich die Radiosendung gehört habe, dachte ich sofort, dass ich ein Drehbuch für Maria scheiben möchte. Das hat verschiedene Gründe: Erstens finde ich es sehr aufregend, wie unterschiedlich Maria spielen kann. Ein weiterer Grund war, dass ich unbedingt eine intellektuelle Frau, jemanden, der viel mit Sprache gearbeitet hat, in der Rolle der Lena sehen wollte. Und es gibt auch gar nicht so viele Schauspielerinnen, denen man es abnimmt, eine Professorin für Genderfragen gewesen zu sein. Ich hatte das Gefühl, Maria würde man das sofort glauben.


Regisseur Jan Schomburg

Der Film befasst sich mit der Frage, wie Emotionen entstehen – sind sie angeboren oder lernen wir sie? Haben Sie eine Antwort auf diese Frage?
Jan Schomburg: Das ist eine Frage, die sich überhaupt nicht richtig beantworten lässt. In der Gehirnforschung gibt es aber natürlich einige Anhaltspunkte. Ich versuche das ein bisschen durch Selbstbeobachtung herauszufinden, denn ich habe mein eigenes Verhältnis zu Emotionen durch diesen Film verändert. Wenn ich plötzlich merke, dass ich etwas sehr stark empfinde, also wenn ich wütend oder traurig werde, versuche ich, das ein bisschen von außen anzugucken und mich zu fragen: « Was ist das jetzt eigentlich, woher kommt das und könnte ich das jetzt auch anders fühlen? ». Es gibt ja dieses Diktum, dass Leute sagen, sie würden sich danach sehnen, so ganz im Moment zu sein und den Moment der Reflektion als etwas empfinden, was nicht zum eigenen Ich gehört. Bei mir ist es dagegen oft so, dass ich die Emotion als etwas empfinde, was nicht so stark zu einem gehört. Ich habe das Gefühl, dass gerade sehr starke Emotionen nichts mit der Situation als solches zu tun haben. Wenn ich zum Beispiel wahnsinnig wütend auf jemanden bin und dann versuche, diesem Gefühl nachzugehen, merke ich manchmal, dass das mit irgendeiner Art von Traumatisierung oder mit gesammelten Erfahrungen zusammenhängt. Also gar nicht mit der Situation oder der Person, auf die ich das in diesem Moment projiziere. Deswegen empfinde ich die sehr starke Emotion auch oft als eine Art Lüge, der man auf den Grund gehen muss. Ich habe aber keine abschließende Meinung dazu, erst während der Recherche wurde mir vieles klar. Mich hat diese Frage auch als eine Art Denkanstoß wahnsinnig fasziniert: Ob man Emotionen tatsächlich lernt, obwohl man aber immer das Gefühl hat, dass Emotionen so eng zu einem gehören. Wenn man zum Beispiel eine starke Wut empfindet, denkt man, dass man nicht mehr zwischen dem Gefühl selbst und der Wut trennen kann. Dass eine Trennung aber vielleicht doch möglich ist, fand ich einen wilden, beunruhigenden und zugleich befreienden Gedanken.

 

Gedächtnisverlust, Gender, Identität, Emotionen: Welches Thema steht im Fokus des Films?
Jan Schomburg: Im Gegensatz zu meinem ersten Film hatte ich bei « Vergiss mein ich » das Gefühl, es öffnet sich ein Themenfeld, das wie ein Nildelta einfach so wahnsinnig viele Verzweigungen möglich macht. Das Hauptthema ist natürlich schon die Frage, wie sich Identität konstruiert. Von diesem Hauptthema leiten sich aber verschiedene Unterthemen ab.

 

Trotz dieses ernsten Hauptthemas bringen komödiantischen Szenen den Zuschauer auch zum Lachen. Was ist die Rolle dieser Szenen?
Jan Schomburg: Ich mag einfach komödiantische Szenen und finde es toll, wenn man eine Geschichte erzählt, die mehrere Ebenen hat. Wenn zum Beispiel Komik mit Tragik verbunden wird und so eine Vielschichtigkeit entsteht. Oder wenn Sexualität plötzlich auch lustig ist.
Maria Schrader: Ich finde es großartig, wenn es gelingt, solche Themen in so unterschiedlicher Form, die man nicht mehr in Komödie oder Drama unterscheiden kann, zu behandeln. Auch wenn man einen Krankheitsfall erzählt, ist das zwar per se erst einmal schrecklich, aber es muss trotzdem nicht so einheitlich dramatisch durcherzählt werden.

 

Ist das nicht ein wesentlicher Unterschied des deutschen und des französischen Kinos?
Jan Schrader: Ja, diese Überschneidung von verschiedenen Kategorien existiert im französischen Film viel eher als im deutschen. Diese seltsame Kategorisierung, die auch von deutschen Filmemachern selbst aufgezwungen wird, ist nicht notwendig. Filme, wie die von Agnès Jaoui, die einen im einen Moment tottraurig machen und im Nächsten betrachtet man das Geschehnis anders, zeugen von einer großen Qualität. Das deutsche Kino teilt sich in E-Filme und in U-Filme. « E » für ernsthaft, für das Bildungsbürgertum, dass nur ins Kino zu geht, « wenn es sich lohnt », also weil der Film künstlerisch einen gewissen Anspruch hat. « U » steht für Unterhaltung, also zum reinen Zeitvertreib. Ich glaube, diese Genre-Unterscheidung gibt es in Frankreich gar nicht.

 

Sind französische Filmemacher also mutiger als deutsche oder halten sich deutsche Filmemacher bewusst an diese Genre-Trennung, weil sie das deutsche Publikum dazu zwingt?
Jan Schomburg: Unabhängig von der Filmbranche habe ich schon das Gefühl, dass es in Frankreich einen viel spielerischen Umgang und eine viel größere Leichtigkeit gibt und nicht eine große Sehnsucht danach herrscht, die Dinge so wahnsinnig ernst zu nehmen. Wenn man sich zum Beispiel die französische Philosophie anguckt, die ganzen Poststrukturalisten: Die haben einen viel spielerischen Zugang zur Sprache. Da entsteht plötzlich aus der zufälligen Verwandtschaft zweier Wörter eine ganze Theorie. Diese Sehnsucht nach strukturiertem Denken, nach der Trennung der Dinge ist glaube ich eine eher deutsche Tradition. Man macht die Dinge in Deutschland ordentlich. Wenn man eine Komödie macht, macht man eine ordentliche Komödie, wenn man einen ernsthaften Film macht, macht man einen ordentlichen ernsthaften Film und wenn man einen Völkermord macht, macht man einen ordentlichen Völkermord. Ich glaube, vielen deutschen Filmemachern ist das französische Kino sehr nahe, lustiger Weise ausgerechnet denen, die sehr deutsche Filme machen. In Frankreich ist der Film aber auch ein viel selbstverständlicher Teil des Bildungsbürgertums. Es ist selbstverständlicher, einmal in der Woche ins Kino zu gehen und danach Essen zu gehen und über den Film zu reden.

 

Der Film präsentiert zwei explizite Sexszenen. Auch an anderen Stellen sieht man die Protagonisten teilweise nackt. Welche Rolle spielt Nacktheit für ihre Filme?
Jan Schomburg: Ich finde es aufregend, wenn Nacktheit plötzlich etwas anderes erzählt als nur erotische Nacktheit oder Sexualität plötzlich noch eine andere Ebene hat als reine Sexualität. Diese Vielschichtigkeit finde ich großartig. Heutzutage gucken wahnsinnig viele Leute Pornographie und ich empfinde es als seltsam, dass das Kino – wenn es Sinn macht – keine Sexszenen zeigt. Nacktheit ist außerdem ein Ausdrucksmittel von Intimität, was zum Beispiel deutlich wird, wenn Lenas Mann ihr beim Ausziehen hilft. Nacktheit kann aber viele verschiedene Dinge erzählen, deswegen ist sie für mich ein wichtiges Element.

 

Für Lena spielen ihre Tagebücher eine wichtige Rolle, um in ihr altes Leben wiederzufinden – Welche Rolle spielen Tagebücher für Sie?
Jan Schomburg: Ich führe kein Tagebuch, aber ich schreibe von Zeit zu Zeit Träume und relativ oft Beobachtungen auf. Ich habe eine Zeit lang einmal im Jahr aufgeschrieben, was ich so für eine Haltung zu den Dingen habe, was ich mir wünsche, bis ich gemerkt habe, dass ich jedes Jahr das gleiche schreibe. Das hat mich so deprimiert, dass ich dachte, jetzt muss ich wirklich mal machen. Wenn ich meine E-Mails hätte, könnte ich glaube ich einiges rekonstruieren, da ich sehr ausführliche Mails schreibe. Wenn nicht, wäre es für mich aber auch nicht schlimm von Null anzufangen.

 
Film TrailerVergiss mein Ich – Lena (Lose myself)
Am 22. Juli in den französischen Kinos

Par Redaktion ParisBerlin le 22 juillet 2015