Von Heiko Klaas und Nicole Büsing 

 

 

Ein wenig Urlaub, viel Sonne und ganz viel Kunst: Am letzten Wochenende präsentierte in Marseille die kleine, aber feine Kunstmesse Art-O-Rama ihre nunmehr zehnte Ausgabe.  20 französische und internationale Galerien, darunter auch sechs deutsche, sorgen in den Hallen der Friche la Belle de Mai, einer seit 1992 als Kulturzentrum genutzten ehemaligen Tabakfabrik, für eine konzentrierte und überschaubare Veranstaltung. In der in diesem Jahr neu geschaffenen Sektion mit Editionen kommen sieben weitere Aussteller hinzu, dazu noch regionale Kunstinitiativen, die Sektion Show Room mit vier jungen Künstlern und die beiden Gastprojekte « The Green Parrot » aus Barcelona und « 63rd-77th STEPS » aus dem süditalienischen Bari. Insgesamt sind 39 Stände präsentieren sich auf den rund 2.500 Quadratmetern Ausstellungsfläche.

 

Die Mécènes du Sud, ein Zusammenschluss regionaler Unternehmer, die die Messe mitfinanzieren, präsentieren an ihrem eigenen Stand die in Frankreich lebende türkische Künstlerin Özlem Sulak, Jahrgang 1979, die bereits häufig in Deutschland ausgestellt hat. In ihrem viereinhalbminütigem Animationsvideo « Emek Sinemasi, Cinéma Travail, Labour Cinema » lässt Sulak eines der berühmtesten Kinos in der Istanbuler Innenstadt virtuell wieder auferstehen. Untergebracht in einem 1884 errichteten Gebäude, wurde das für sein anspruchsvolles und kritisches Programm bekannte Emek Kino Ende Mai 2013 trotz massiver Proteste aus der Istanbuler Kulturszene abgerissen, um Platz für den Neubau einer französischen Hotelkette zu schaffen. Die Arbeit hat einerseits eine hochästhetische zeichnerische Dimension, gleichzeitig jedoch auch einen dezidiert politischen Subtext.

« Ich finde es gut, dass die Art-O-Rama drei Tage lang Messe ist und dann Ausstellung », sagt der Galerist Daniel Marzona, der aus Berlin angereist ist. Während der drei trubeligen  Messetage gab es für die aus ganz Frankreich, Belgien, Italien, Großbritannien, Deutschland und den USA angereisten rund 100 VIPs ein umfangreiches Programm mit Besuchen von Privatsammlungen, Museen und Ausstellungen. Unter anderem auf dem Programm stand auch eine Besichtigung der überwiegend noch im Bau befindlichen LUMA Foundation in Arles. Die Schweizer Sammlerin Maja Hoffmann baut hier mit internationalen Architekten wie Annabelle Selldorf und Frank Gehry ein Kunst- und Kulturzentrum, welches im Sommer 2018 komplett fertiggestellt sein wird und für Kunstinteressierte zu einer der Hauptattraktionen in Südfrankreich werden dürfte.

©Heiko Klaas und Nicole Büsing

Doch zurück zu Daniel Marzona: Er hat den 36-jährigen Harald Klingelhöller-Schüler Johannes Wald mit nach Marseille gebracht. « Wald denkt über die Grundsätze von Skulpturen nach », erläutert Marzona. Er hat bis zu 200 Jahre alte Gussformen, wie sie von der Gipsformerei der Staatlichen Museen zu Berlin zur Herstellung von Repliken historischer Skulpturen benutzt werden, abfotografiert. Alle der von ihm benutzten Formen verfügen jedoch über eine Besonderheit: Die dazugehörigen Originalskulpturen wurden entweder bei Feuern oder im Zweiten Weltkrieg zerstört. Die fotografierten Abgussformen werden dadurch quasi zu Stellvertretern der verloren gegangenen Originale. Die Unikate kosten zwischen 2.500 und 6.000 Euro. Außerdem am Stand: Walds skulpturale Arbeit « Stone with no form », die aus einer Tonne Steinstaub aus der Region um Marseille besteht (4.500 Euro).

Am Stand der Amsterdamer Galerie Ellen de Bruijne Projects sind unter anderem Schwarz-Weiß-Fotografien des 1976 geborenen Dänen Kasper Akhøj zu sehen. Sie stammen aus dem Projekt « Welcome (To The Teknival) », das während vier Besuchen entstanden ist, die der Künstler der von der irischen Designerin Eileen Gray (1878-1976) errichteten Villa E.1027 an der französischen Riviera während der zehnjährigen Renovierungszeit abgestattet hat. Akhøj, der unter anderem an der Frankfurter Städelschule studiert hat, hat jeweils die Kamerastandpunkte eingenommen, die auch Eileen Gray selbst und ihr damaliger Lebensgefährte, der Architekt Jean Badovici, zur Entstehungszeit des Gebäudes eingenommen haben. Deren Fotos wurden 1929 in dem Architekturjournal « L’Architecture Vivante » erstmals veröffentlicht. Im Mittelpunkt von Akhøjs fotografischer Recherche stehen jedoch auch die fünf Wandgemälde, die Grays berühmter Nachbar, der Architekt Le Corbusier dort in den späten 1930er Jahren ohne Erlaubnis von Eileen Gray realisiert hat. Die ebenso eleganten wie konzeptuell-strengen Fotos kosten je 3.300 Euro, Auflage: 3.

Aus Modica in Sizilien angereist ist Corrado Gugliotta  mit seiner zur Zeit international durchstartenden Galerie Laveronica. Gugliotta präsentiert die erste Solo-Show der 1989 in Bogotá geborenen, heute in Gent lebenden kolumbianischen Malerin Alejandra Hernández. Hernández hat verschiedene Personen gebeten, für sie nackt zu posieren.  Darüberhinaus sollten alle Porträtierten eine Gruppe von Objekten mitzubringen, zu denen sie eine engere Beziehung pflegen. Das waren häufig Gegenstände aus der Kindheit wie Bücher, Spielzeug, Lieblingskleidungsstücke oder ähnliches. Die  stark farbigen zwischen Pop Art und naiver Malerei changierenden Gemälde sind psychologisch aufgeladen (Preise: 3.500 bis 8.000 Euro).

 

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Zum zweiten Mal nimmt die Galerie :Baril aus Cluj-Napoka in Rumänien an der Art-O-Rama teil. Sie zeigt unter anderem den mit Fotografie arbeitenden Konzeptkünstler Mihai Platica, Jahrgang 1983. Platica setzt sich mit der menschlichen Physis   ebenso auseinander wie mit kulturellen Gegebenheiten. Ein Selbstporträt zum Beispiel zeigt das Gesicht des Künstlers, versehen mit rund einem Dutzend Akkupunkturnadeln. Ein anderes Foto mit dem Titel « Botanophobia » zeigt ins Kraut geschossene Gummibäume und Zimmerfarne im Eingangsbereich eines typischen sozialistischen Mietkomplexes. Platica präsentiert seine Fotografien in speziell angefertigten Holzrahmen, die ihnen einen objekthaften Charakter verleihen. Seine Fotoobjekte kosten zwischen 1.000 und 2.000 Euro.

Die Berliner Galerie Lars Friedrich hat Siebdrucke von Mathieu Malouf und Georgie Nettell mit nach Marseille gebracht. Für diese Serie haben die beiden zusammengearbeitet. Zweifarbige Unikate aus Siebdruck auf Leinwand, zum Teil übermalt in Op-Art-Optik erinnern an Motive der 1960er und 1970er Jahre. Die Preise liegen zwischen 5.000 und 7.500 Euro.

©Heiko Klaas und Nicole Büsing
Der in Barcelona beheimatete Ausstellungsraum « The Green Parrot » versteht sich nicht als Galerie sondern als kuratierte Non Profit-Plattform. Nach Marseille mitgebracht hat Rosa Lleó, eine der Betreiberinnen, die beiden Künstler June Crespo, Jahrgang 1982, und David Bestué, Jahrgang 1980. Beide reflektieren auf konzeptuelle Weise die Skulptur und gefundene Alltagsobjekte. David Bestué versteht sich dabei ebenso als Künstler wie als Poet. Unter anderem zeigt er in Marseille eine Fotoserie mit extrem vergänglichen skulpturalen Szenarien wie etwa Schaum auf einem Finger oder eine angekokelte Mandelblüte in einem Aschenbecher (Die Serie mit sieben Fotos kostet 4.500 Euro, Auflage: 2). Für eine andere Arbeit begab er sich auf die Spuren des spanischen Dichters Federico García Lorca in New York und sammelte auf einer 15 Kilometer langen Route von Harlem bis zum Battery Park kleine Objekte aus Stein, Eisen, Zement oder Glas von der Strecke auf, die er dann anschließend auf der Innenfläche seiner Hand fotografierte.
Der zweite Projektraum auf der Messe stammt aus dem süditalienischen Bari. « 63rd-77th STEPS » wird von dem Künstler Fabio Santacroce betrieben. Benannt ist er nach seiner exakten Position zwischen der 63. und 77. Treppenstufe innerhalb eines großen Wohngebäudes aus dem 20. Jahrhundert in Bari. Für Art-O-Rama hat Santacroce befreundete Künstler gebeten, schwarz-weiße Strandhandtücher mit verschiedenen, eher verstörenden Motiven zu gestalten, darunter ein Gebetsteppich der deutsch-iranischen Künstlerin Anahita Razmi. Die Unikate sind für 300 Euro das Stück im Angebot.
©Heiko Klaas und Nicole Büsing
In der in diesem Jahr erstmals präsentierten Sektion Art Editions fiel besonders der Stand der in Luzern ansässigen Edizioni Periferia auf. Aufwändig gestaltete Künstlerbücher in kleinen Auflagen präsentierte Betreiber Gianni Paravicini in eigens für den Messeauftritt gestalteten kleinen, an der Wand hängenden Holzkästen. Künstler wie Dieter Roth, Roman Signer oder Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger waren hier vertreten. Das Fragment einer gesprengten Holzhütte von Roman Signer etwa war für 980 Euro im Angebot.
Die kontinuierliche Weiterentwicklung des erfolgreichen Formats Art-O-Rama in Marseille gelingt durch die Einbindung vieler Kräfte und Sammler in der Stadt. Auch mit ihrem inhaltlichen Rahmenprogramm kann die Messe punkten: Ein von dem Pariser Kunstkritiker Cédric Aurelle konzipiertes Programm mit Panel-Diskussionen sorgte für rege Publikumsbeteiligung. Unter den teilnehmenden Podiumsgästen waren unter anderen die Co-Kuratoren der kommenden Documenta 14, der Franzose Pierre Bal Blanc und der seit 1997 in Berlin lebende Kameruner  Bonaventure Soh Bejeng Ndikung. Ein weiterer Höhepunkt nach dem Kulturhauptstadtjahr 2013 wird die Austragung der europäischen Wander-Biennale Manifesta in Marseille im Jahr 2020 sein. Im Rahmen der Art-O-Rama fand auch eine Pressekonferenz der in Amsterdam angesiedelten Manifesta Foundation mit Jean-Claude Gaudin, dem Bürgermeister von Marseille statt. Die stark von Migration, Arbeitslosigkeit, Umweltproblemen und Kriminalität geprägte Stadt Marseille verspricht sich von der Manifesta neue Impulse nicht nur künstlerischer Art sondern auch im Hinblick auf Urbanismus und die mit dem Klimawandel verbundenen Probleme.
Nach diesen intensiven Auftakttagen mit rund 3.500 Besuchern und Umsätzen von rund 150.000 Euro läuft die Art-O-Rama noch bis zum 11. September weiter als Ausstellungsformat, das traditionell insbesondere auch von Schulklassen intensiv genutzt wird.

Par Redaktion ParisBerlin le 2 septembre 2016