Von Peter Hauff

 

Unten Schuhkarton, oben drüber ein riesiger Schlumpfhut. Als vor acht Jahren das Centre Pompidou-Metz aus dem Boden schoss, staunte ganz Frankreich: 70 Millionen Euro nahm der Staat als Bauherr in die Hand, damals unter Präsident Nicolas Sarkozy. Ein japanischer Star-Architekt bewies kurvenreich, dass Witz und Prunk zusammenpassen. Es war das erste (und ist bis heute das einzige) Beispiel für die Auslagerung einer nationalen Kulturstätte in die Provinz.

 

Zeichner Charlie Zanello hat den pompösen Start des ersten Pompidou-Ablegers in Metz erlebt – am eigenen Leibe. Er fokussierte in Bildern, wie sich so ein Staatsprojekt von innen anfühlt. Sechs Jahre stand der heute 32-Jährige an der Kasse des Museums-Shops. Im Parterre verkaufte er Bücher, Kunstdrucke und Schlüsselanhänger. „Wenn es still wurde, habe ich halt gezeichnet, was mir so auffiel jeden Tag“, so Charlie. Aus hunderten kleiner Erlebnisse hat Charlie Zanello 46 Bilderfolgen destilliert, in drei dramatische Blöcke geordnet und sie mit Repros berühmter Ausstellungsstücke gewürzt. Gedruckt hat sein Album ein namhafter Comicverlag: Dargaud.

 

„Keinem tun meine Zeichnungen weh“, betont der Autor. Scheinbar nebenbei wurde sein Album trotzdem eine Abrechnung – erstens mit kommerziellen Zwängen. Zweitens mit Fragwürdigkeiten französischer Kulturpolitik. Mit bitter kalten Wintertagen in Lothringen ebenfalls. Und viertens, nicht zuletzt, mit beruflichen Ängsten heute 30-Jähriger in Frankreich. Einer Generation junger Erwachsener, denen prekäre Kunst näher liegt als Staatsbetriebe oder ebenso prekäre Jobs.

 

Das Geschäft mit der Kunst oder dem, was der französische Staat seinen Bürgern und Touristen als nationale Kultur verkauft, taucht in diesem Album ungeschminkt auf. Das ist witzig. Zum Beispiel wenn sich Charlie und sein Kollege streiten, wer den berühmten Architekten Shigeru Ban anspricht, der aus einem Fenster ihres Buchladens irgendwie traurig hinausschaut. Regional- und Lokalpolitiker feierten in dieser Sternstunde internationaler Aufmerksamkeit sich selbst. Viele Metzer fragen sich bis heute, wie ihr Museum finanziell überleben soll, falls der Staat mal richtig spart.

 

Wahr ist: Schon seinen Haushalt 2012 konnte das neue Centre Pompidou nicht mehr aus laufenden Einnahmen bestreiten. Paris musste 4,6 Millionen Euro erste Hilfe leisten. Ins Budget in Höhe von zwölf Millionen Euro pumpt die Region Lothringen (die jetzt Grand-Est heißt) jedes Jahr vier Millionen Euro. Weitere vier Millionen kommen vom Gemeindeverband Metz Métropole, der Rest von Departement und Stadt. Sehr wenig, vielleicht auf Dauer zu wenig Einnahmen generiert das Museum aus eigenen Ticketverkäufen – oder auch der Ladenmiete für Charlies ehemaligen Kultur-Souvenir-Shop.

 

Dieses Defizit ist eine offene Wunde: Während in den ersten zwölf Monaten nach der Eröffnung im Mai 2010 rund 800.000 Besucher kamen, sank die offizielle Zahl im Jahr 2011 auf 550.000. Noch ein Jahr später waren es 475.000 Besucher. Die Hälfte dieser Besucher zahlt gar nichts: Schüler und Arbeitslose kommen kostenlos rein. Aus dem Ticketverkauf lässt sich eine dezentrale Kulturstätte wie das Pompidou kaum finanzieren, so das Fazit französischer Kulturpolitik nach Sarkozy. Trotzdem setzt das Haus, inzwischen unter neuer Direktion, immer wieder beachtliche Akzente: „L’aventure de la couleur“ und „Couples modernes“ heißen aktuelle bzw. jüngste Ausstellungen.

 

Von Anfang an stach Charlie, dem Under-Cover-Cartoonisten aus Metz, der Kontrast ins Auge „zwischen den Mitteilungen der Politik und dem, was bei Besuchern ankommt“, wie er sagt. Ein Spagat, der ihn überforderte. Von der Eröffnung des Museums im Mai 2010 bis zu Charlies Abschied im Winter 2016 hörte er nicht auf zu zeichnen: Den langen Atem verdanke er letztlich lokalen „Apéros graphiques“, erzählt Charlie. Francois Carré, Inhaber eines unabhängigen Metzer Comicladens, lädt nämlich jeden Freitag um 18 Uhr zum Witze zeichnen ein. Man erhält ein gemeinsames Thema, trinkt Pastis und malt. „Francois Apéros haben einer ganzen Reihe junger Künstler aus Metz geholfen, wie ich ihren Weg zu finden“, weiß Charlie Zanello. Jean Chauvelot, Zoé Thouron (Tochter von Lefred Thouron), Lucie Maillot und Timothée Osterman gehören dazu.

 

Nach seiner Kündigung im „Pomp-it-Up“ Metz brütete Charlie monatelang am Bildschirm. Er saß vor einem Schreibtisch in Francois’ Laden, um Erlebtes zuzuspitzen. Die Buchhandlung „Au Carré des Bulles“ hatte ihm ein staatliches Stipendium besorgt. Den restlichen Lebensunterhalt bestritt Charlie mit Workshops für Schulen, Kindergärten oder Haftanstalten, als Dozent der staatlichen Kunsthochschule ESAL sowie als Hauszeichner der Illustrierten „Fluide Glaciale“. Dort betreut er eine eigene Rubrik.

 

Das letzte Bild aus Charlies Album „Dedans le Centre Pompidou“ ist typisch für den unverblümten, nur scheinbar unpolitischen Witz seiner BD-Generation: Ein kleiner Junge freut sich wahnsinnig über einen Feuerlöscher in der Ausstellung. „Eine wahre Begebenheit“, grinst Charlie. Hinter jeder Sprechblase zu lesen, ist eine Kunst, die Charlies Fans unbedingt beherrschen sollten.

Par Redaktion ParisBerlin le 17 septembre 2018