Von Jasmin Kohl

 

« Mein Anspruch war es, ein Film-Festival zu gründen, das Osteuropa und Westeuropa verbindet. Ich wollte die gedankliche Barriere, die zwischen diesen « zwei Europas » existiert, mit dieser Konzeption überwinden », sagt Irena Bilic, Initiatorin des Festivals « L’Europe autour de l’Europe ». Das Festival präsentiert dem Publikum daher Kurzfilme, Dokumentationen, Animationsfilme und andere Produktionen aus den insgesamt 47 Mitgliedsstaaten des Europarats. Anhand der filmischen Vielfalt wird so die Vielfalt Europas deutlich. 2006 startete das von der Filmemacherin Irena Bilic initiierte Festival mit 12 Filmen in der Normandie. Heute präsentiert es 72 Filme und 62 Kurzfilme in rund 20 Kinos und anderen kulturellen Orten in Paris.

Bemerkenswert ist, dass die Mehrheit der präsentierten Filme noch nie in Frankreich gezeigt wurde. Die Besonderheit des Festivals besteht darin, dass es Regisseuren die Möglichkeit bietet, Kontakt mit Produzenten und Vertreibern herzustellen und sich so ein Netzwerk aufzubauen. Auch Partnerschaften sollen auf diesem Wege initiiert werden. Bei Debatten, die um die Filmaufführungen herum veranstaltet werden, treten Regisseure außerdem in direkten Kontakt mit ihrem Publikum.

Das Festival stellt jedes Jahr einen der 47 Mitgliedsstaaten in seinen thematischen Mittelpunkt. Letztes Jahr widmete es sich Griechenland, 2013 stand Irland im Zentrum des Programms. Dieses Jahr hat sich Bilic für  Österreich entschieden. « Die österreichische Kinoszene ist seit Anfang des 20. Jahrhunderts sehr aktiv », erklärt Bilic. Den Anfang markierten erotische sowie Propagandafilme, dann dominierte der Expressionismus von Robert Wiene und Michael Curitz. « Ich bewundere besonders das Talent des Regisseurs Michael Glawogger, der 2014 auf tragische Weise bei einem Dreh in Afrika verschwunden ist », sagt Bilic. Wie kein anderer habe er es verstanden, die Probleme der Dritten Welt, die Herausforderungen der Globalisierung oder den Kampf der Menschheit um das materielle und spirituelle Überleben zu thematisieren.

In der « Fondation Jérôme Seydoux-Pathé » haben die Zuschauer die Gelegenheit, erotische Filme und Propagandafilme aus dem 20. Jahrhundert zu sehen. « Zwischen 1906 und 1910 hat das Wiener Filmunternehmen « Saturn Film » des Photographen Johann Schwarzer die ersten erotischen Filme produziert, die sogenannten « Herrenabendfilme », erläutert Nikolaus Wostry vom « Filmarchiv Austria ».

Im Rückblick könnten diese Filme als erste österreichische Fiktionsfilme bezeichnet werden. « Wir haben uns dazu entschlossen, diese erotischen Filme zu zeigen, weil sie über eine starke emanzipatorische Kraft verfügen. Sie haben zugleich etwas Zügelloses und weisen eine hohe thematische Vielfalt auf », begründet Wostry die außergewöhnliche Film-Auswahl. Die Besonderheit der Saturn-Filme bestehe darin, dass von Ehedramen bis Märchenspiel verschiedenste Thematiken in ihnen zu finden seien.

Der Regisseur Hans-Jürgen Syberberg, der als Ehrengast des Festivals seine Filme « San Domingo » und « Hitler – ein Film aus Deutschland » zeigt, ist seit bald 50 Jahren im Filmgeschäft tätig. Die Rolle von Film-Festivals schätzt er als sehr wichtig für die Filmemacher von heute und die europäische Filmlandschaft insgesamt ein. « Der Austausch mit anderen Regisseuren und die direkte Rückmeldung vom Publikum sind für einen Regisseur elementar », meint Syberberg. Paris sei als Veranstaltungsort mit seinen interessanten Kinosälen außerdem sehr attraktiv.

Das europäische Kino habe sich schon immer durch seine Innovationskraft hervorgehoben – im Gegensatz zum amerikanischen Kino, das sich vor allem durch seinen kommerziellen Charakter  auszeichne. « Diese Innovation ist aber in Gefahr, wenn die finanzielle Förderung aus öffentlicher Hand immer weiter eingeschränkt wird », warnt Syberberg.

« Ein bestimmtes Zielpublikum hat « L’Europe autour de l’Europe » nicht », meint Festival-Initiatorin Bilic. Wir setzen uns das Ziel, mit unserem Programm ein möglichst breit gefächertes Publikum anzusprechen. Dieses Jahr rechnet Bilic mit rund 150 000 Zuschauern. Darunter sind Fachleute genauso vertreten wie Menschen, die sich nicht speziell mit der europäischen Filmszene auskennen.

Das Festival-Programm sowie weitere Informationen finden Sie hier.

Der Eintritt zu den verschiedenen Filmen hängt von den verschiedenen Veranstaltungsorten ab. Mit einem Festival-Pass (50 Euro bzw. 20 Euro für Studenten) hat man zu allen Filmen das ganze Festival lang Zutritt.

 

Par Redaktion ParisBerlin le 1 avril 2015