Von Lara Prolingheuer

 

 

Als Großbritannien noch während ihres Auslandssemesters in London für den Brexit stimmt, beschließen Ariane Forgues, Studentin der Europastudien, und ihr Freund Baptiste Enaud, die eurokritische Haltung der Franzosen zu hinterfragen und das Gespräch mit den Menschen in ihrer Heimat zu suchen. Ihr Ziel: Die Bürger zur aktiven Teilnahme an der europäischen Konstruktion aufzurufen und vor allem konkrete Vorschläge und Ideen zu sammeln, die Europa und seine Bürger wieder näher zusammenbringen sollen.

Um das in die Tat umsetzen zu können, starten sie eine Crowdfunding Kampagne. Mit finanzieller Unterstützung durch Politik und Stiftungen gründen sie den Verein Des Europe et des Hommes. Im Oktober 2016 beginnen sie schließlich ihre Reise durch die 13 Regionen Frankreichs. Ob in der Fußgängerzone in Toulouse, auf dem Wochenmarkt in Mulhouse oder in den Büros der lokalen Bürgerinitiative in Saillagouse, überall stellen sie dieselbe Frage: Wie sollte Europa sein?

Europäische Zukunft gemeinsam gestalten

« Anstatt die Frage nach der EU mit ja oder nein zu beantworten, sollte man sich viel mehr die Frage nach dem wie stellen. Dazu wollen wir die Menschen animieren », erklärt die 23-jährige Ariane Forgues. Die Vorschläge der Passanten reichten von Englisch lernen im Kindergarten, über eine Vereinheitlichung des Steuer-und Sozialrechts, bis hin zu einem stärkeren Einfluss der Regionen. Aber in einem schien man sich einig zu sein: ein funktionierendes Europa braucht mehr direkte Demokratie.

Auf der Plattform Citizenlab haben Des Europe et des Hommes die gesammelten Ideen für ein besseres Europa festgehalten. Dort kann jeder für oder gegen die eingereichten Vorschläge stimmen. Wer selbst aktiv werden will, ist dazu eingeladen seine eigenen Anregungen in das Forum zu stellen.  Ziel ist es ein Buch über ihre Reise und die vielen Begegnungen zu veröffentlichen. Darin sollen die zahlreichen Vorschläge für eine bürgernahe EU aufgenommen werden. Diese sollen dann direkt dem Europaparlament vorgelegt werden.

« Einige der Befragten übernehmen blind die Meinung der Medien, ohne weiter nachzuhaken. Oft ist das Wissen sehr oberflächlich und die Kritik kaum konstruktiv. Wir versuchen mit den Menschen in den Dialog zu kommen, um sie zum Nachdenken anzuregen, » sagt Ariane. Die Meisten seien nicht grundsätzlich gegen Europa, sondern nur gegen dessen wirtschaftliche Intransparenz. Die beiden hoffen, dass sie die Leute dazu animieren können sich vor der Präsidentschaftswahl noch einmal das Europaprogramm der Kandidaten anschauen.

Europa – nur eine abstrakte Idee

Laut Ariane ist das wesentliche Problem der EU eine mangelnde Kommunikation. So meinte zum Beispiel einer der befragten Passanten, es gebe zu viele Gesetzesauflagen, denen die EU Länder unterliegen. Das einige, der von ihm erwähnten Auflagen bereits 2014 außer Kraft gesetzt wurden, war ihm unbekannt. Der 25-jährige Baptiste Enaud ist der Meinung, die EU solle mehr Werbung in europäischen Städten machen. Moderne Kommunikationsmittel seien wichtig für mehr Präsenz im Alltag und würden das europäische Bewusstsein stärken.

Vielen Menschen, vor allem in kleineren Dörfern, sei die europäische Dimension oft zu groß. « Mitten im Winter haben wir in einem kleinen Dorf einen Deutschen getroffen, dessen Tochter mit einem Engländer verheiratet ist, » erzählt Fourgues. « Für uns war das die perfekte europäische Familie, aber für sie ist Europa nur eine abstrakte Idee, die viel zu weit weg von ihrer eigenen Realität ist. Wir haben den ganzen Nachmittag dort verbracht und diskutiert. Das war eine sehr interessante Begegnung. » Von solchen Begegnungen gab es viele. Die beiden haben es geschafft auf Menschen in ganz Frankreich zuzugehen und sie dafür zu begeistern, gemeinsam eine europäische Zukunft zu gestalten.

Nach sechs aufregenden Monaten, machen sich die beiden nun auf den Heimweg nach Lille. Neben der Jobsuche, werden sie anfangen die vielen Ideen zu sortieren und aufzuschreiben. Auch wenn ihre zukünftige Tätigkeit keinen direkten Europabezug haben wird, sind die Erfahrungen, die sie in den letzten Monaten gemacht haben, unbezahlbar.

« Wir haben gelernt geduldig zuzuhören und uns auf die verschiedenen Meinungen der Menschen einzulassen. » « Als Archäologiestudent waren mir viele Dinge über die EU gar nicht so bewusst. Durch unsere Reise und die zahlreichen Diskussionen habe ich viel dazugelernt, » stellt Enaud fest.

Die beiden hoffen, dass sie auch andere junge engagierte Leute ansprechen, die Lust haben ein ähnliches Projekt in ihrem Land zu organisieren und die EU Mitgliedstaaten auf diese Weise näher zusammenzubringen.

Wer noch mehr über Des Europe et des Hommes wissen möchte, findet weitere Informationen auf der Homepage des Projekts oder auf Twitter unter dem Hashtag #RallumonsLesEtoiles.

 

Par Redaktion ParisBerlin le 21 avril 2017