Von Nicole Büsing und Heiko Klaas

 

Ein einlullender Elektrosound durchdringt die Ausstellungshalle « Panorama » im vierten Stock des Kulturzentrums « La Friche Belle de Mai », einer ehemaligen Tabakfabrik in Marseille mit imposanter Dachterrasse. Hier feiert die Künstlerinitiative « Triangle France » ihr 20-jähriges Bestehen mit einer innovativen Gruppenausstellung, Performances und einem ungewöhnlichen Round-Table-Gespräch.

Céline Kopp, seit September 2012 Direktorin von Triangle, hatte die Künstlerin und Designerin Clémence Seilles gebeten, ein Setting für die Gruppenausstellung « Moucharabieh » zu entwerfen. Die 1984 geborene Künstlerin, die bereits in den Studios von Atelier Van Lieshout in Rotterdam und Jerszy Seymour in Berlin gearbeitet hat, bespielt einen Abschnitt des Raums mit einem flachen Swimmingpool, in dem sich Besucher die Füße kühlen können. Übermütige Künstler stürzen sich am Eröffnungsabend am 13. Februar gleich ganz in den Pool.

Ein weiteres Kernstück der Ausstellung ist eine Art Konferenztisch, bei dem die Hierarchien aufgehoben sind. Die Tischplatte und die in Blau gehaltenen Sitzbänke befinden sich quasi auf einer Ebene. An diesem Tisch nehmen zu einer Panel Diskussion am Eröffnungswochenende die drei bisherigen Direktorinnen von Triangle France, einige Künstler und weitere Protagonisten der französischen Kunstszene Platz und debattieren zum Thema « Géométrie de mes rêves » (Geometrie meiner Träume) eher spielerisch und assoziativ über die Künstlerinitiative Triangle. Eine modifizierte Kaffeemaschine von Thomas Teurlai produziert dazu eine zweifelhafte braune Brühe, und nach der kraftraubenden Diskussion serviert Laure Jaffuel im Rahmen der gemeinsam von ihr und der Amsterdamer Experimentalplattform Deborah Bowmann konzipierten Performance « T.A.Z. » in einer mit Elektrosound unterlegten post-hippiesken Tee-Performance eine Art Kräuterelixir oder Wunschpunsch.

Doch was ist eigentlich Triangle? Die Non-Profit-Organisation für zeitgenössische Kunst ging ursprünglich 1982 aus einem Künstler-Workshop in Upstate New York hervor. Damals kamen die Teilnehmer aus den drei Ländern USA, Kanada und Großbritannien, weshalb man den Namen Triangle – Dreieck – wählte. Mittlerweile erstreckt sich das Triangle Netzwerk auf über 40 Länder weltweit. In Frankreich hat es seinen Sitz in « La Friche Belle de Mai ». Triangle France bringt internationale Künstler und Ausstellungen nach Marseille, unterstützt Produktionen, gibt Werke als Kommissionen in Auftrag und gibt Publikationen heraus. Herzstück von Triangle ist ein Artist-in-Residence-Programm. Neun bis zwölf Künstler pro Jahr kommen nach Marseille und beziehen dort Ateliers auf Zeit. Gleichzeitig schickt Triangle französische Künstler zum Austausch ins Ausland. Gefördert werden vor allem junge, vielversprechende Künstler, die an einem Punkt ihrer Karriere stehen, wo sie internationale Erfahrung brauchen. Der Ruf der Talentschmiede Triangle reicht weit über Südfrankreich hinaus. Starkünstler Simon Starling, Jim Lambie und Laure Prouvost waren zum Beispiel bereits zu Gast. Regelmäßig kommen auch internationale Kuratoren nach Marseille, um bei Triangle France neue Künstler zu entdecken.

Von Innen nach Außen

Die Jubiläumsausstellung « Moucharabieh » bezieht sich im Titel und im Aufbau auf die Maschrabiyya, ein architektonisches Element aus der arabischen Bautradition. Das dekorative Holzgitter an den Fenstern der Häuser und Paläste dient gleichzeitig der Wahrung der Privatsphäre, dem Sonnenschutz, der Belüftung und der regulierten Belichtung. Der Blick geht von Innen nach Außen, ohne dass der Betrachter selbst erkannt werden kann. Formal bezieht sich Clémence Seilles in ihrer Installation der Schau auf diese Tradition der orientalischen Architektur. Die integrierten Kunstwerke stammen von ehemaligen Triangle-Stipendiaten und anderen internationalen Künstlern. So zeigt die 1983 geborene Niederländerin Hedwig Houben ein Video, in dem sie sich mit der Schönheit, dem Misslingen und dem Gelingen von Skulpturen aus der Sicht einer Bildhauerin auseinandersetzt. Eine konzeptuelle Arbeit mit kühl vorgetragener selbstreferenzieller Geste.

Zum 20-jährigen Jubiläum von Triangle hat Céline Kopp, die unter anderem als Kuratorin in Los Angeles gearbeitet hat, unter dem Titel « Sculptures » noch eine zweite Ausstellung realisiert, die sich retrospektiv mit dem Werk der US-Künstlerin Margaret Honda, Jahrgang 1961, auseinandersetzt.

Im Labyrinth

Für ihre Installation « Sculpture » (2015) hat die in Los Angeles lebende Konzeptkünstlerin den gesamten Ausstellungsraum in eine einzige 24 Meter lange und 18 Meter breite, labyrinthartige Skulptur verwandelt, die aus einer Unterkonstruktion aus Holz und weiß gestrichenen Trockenbauwänden besteht. Honda hat die Grundrisse der weltweit 15 Studios nachbauen lassen, in denen sie während ihrer Karriere als Künstlerin bisher gearbeitet hat. Nackte Wände entsprechend der jeweiligen Raumhöhe, sonst nichts. Jeder Raum hat seinen eigenen Eingang. Sie sind aneinander gebaut, aber nicht miteinander verbunden. Honda verzichtet konsequent darauf, Decken, Böden, Fensteröffnungen und andere narrative Details nachzubilden. Zudem gibt es weder eine chronologische noch eine geografische Abfolge. Dennoch erfährt man beim Durchschreiten der Installation jeden Raum und sein Volumen wieder ganz anders.

Durch die Anordnung der Räume auf einer rechteckigen Grundfläche entsteht in deren Zentrum ein ziemlich dunkler, negativer Raum. Margaret Honda zeigt hier ihre zweite Arbeit, den rund 3-minütigen, konzeptuellen Film « Wildflowers (Fleurs Sauvages) » von 2015. Der Titel bezieht sich auf das Phänomen der in der südkalifornischen Wüste jedes Frühjahr für rund acht Wochen blühenden Wildblumen, die Sonntagsausflügler und Hobbyfotografen gleichermaßen wegen ihrer psychedelischen Farbvielfalt anlocken. Danach bleichen sie aus und verlieren ihre Farbigkeit. Im Alter von neun Jahren ist auch Margaret Honda mit ihren Eltern einmal dorthin gefahren. Der Ausflug wurde, wie damals üblich, auf einem Kodachrome-Diafilm festgehalten. Einer dieser vermeintlich ganz besonderen « Kodachrome Moments », wie er milliardenfach in Familienalben oder Diamagazinen archiviert ist. Die Tatsache, dass Kodak die Kodachrome-Farbfilmentwicklung 2010 eingestellt hat, veranlasste Margaret Honda zu einem Experiment: Sie erwarb zwei Magazine mit Kodachrome-16-Millimeter-Film, deren Haltbarkeit vor 50 Jahren abgelaufen war und filmte damit die Blumen. Anschließend ließ sie das Material im Schwarz-Weiß-Prozess entwickeln. Das Ergebnis: Kein erkennbares Bild – nach dem Startband mit herunterzählendem Countdown sieht der Betrachter nur noch weißes Licht. Eine sonore Stimme aus dem Off, es ist die von Morgan Fisher, Hondas Lebenspartner und ebenfalls ein legendärer Experimentalfilmer, liest derweil Beschreibungen der einzelnen Blumen, ihrer Farben und Blütenstrukturen vor. Während also nichts Konkretes zu sehen ist, ist der Betrachter aufgefordert, sich beides vorzustellen: eine psychedelisch bunte Blumenwiese und deren filmische Übersetzung in die einst unsere Erinnerungen konservierende, jetzt aber verlorengegangene Kodachrome-Ästhetik.

Das dritte und letzte Werk der Ausstellung ist die ebenfalls konzeptuell angelegte Publikation « Writings » (2015), die als limitierte Edition in einer Auflage von 150 Exemplaren erschienen ist. Beginnend mit der aktuellen Installation « Sculpture », beschreibt Honda auf 90 Seiten und in umgekehrter Chronologie alle ihre bisher entstandenen Arbeiten. Auf Bilder verzichtet sie. Kurator Tenzing Barshee präsentiert diese ortsspezifische Arbeit, die Margaret Honda als Retrospektive versteht, ebenfalls im Zentrum « La Friche Belle de Mai ». Margaret Honda wird damit zum ersten Mal umfassend in Europa gezeigt. Zweite Station der Ausstellung wird 2016 das Künstlerhaus Bremen sein. Honda will dann mit einer neuen Arbeit auf ihre Installation in Marseille antworten.

Ausstellung: « Moucharabieh », La Friche Belle de Mai, bis 19. April 2015
Margaret Honda: Sculptures, La Friche Belle de Mai, bis 19. April 2015

Par Redaktion ParisBerlin le 23 mars 2015