Von Lilian Pithan

 

« Wir sind wie Schafe: Wenn ein Teil der Wiese abgegrast ist, ziehen wir weiter! » Christiane Baumann lacht, während sie auf die Jugendlichen wartet, die an einem Samstagnachmittag im Juni in der Berliner Böser Wolf-Redaktion eintrudeln. Als echte Jungjournalisten sind sie wie hungrige Schafe immer auf der Suche nach neuen Orten und Themen, doch als ?Böse Wölfe » macht ihnen nichts Angst. Der 16-jährige Ulysse gehört schon seit vier Jahren dazu: ?Manchmal bereiten wir Fragen vor oder übersetzen Texte, schneiden Filme oder fertigen Zeichnungen an. Jeder Samstag ist anders! » Insgesamt bestehe der harte Kern aus 20 Jungreportern, die über Frankreich, Deutschland und Polen verteilt seien, schätzt die Projektleiterin Christiane Baumann: ?Wir denken europäisch und daher sind wir über die deutsch-französische Ausrichtung hinausgewachsen. Wir wollten auch mal nach Osten schauen. » Seitdem zeichnet das 2002 begonnene Journalismusprojekt, das vom Deutsch-Französischen Jugendwerk (DFJW), dem Deutsch-Polnischen Jugendwerk (DPJW) und der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) unterstützt wird, das Weimarer Dreieck auf seiner interaktiven Website nach: ?Die Grundidee ist nicht unbedingt der Austausch zwischen Schülergruppen vor Ort. Die Begegnungen finden vor allem online statt, » erklärt Catherine Raoult, die ebenfalls zur Projektleitung gehört.

Zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs befassen sich die Bösen Wölfe im Rahmen des Projekts ?Europa 1914-2014″ mit Krieg, Geschichte und dem Europagedanken. Außerdem organisierte die Redaktion mit ?Europa in 100 Jahren » einen trilateralen Wettbewerb, bei dem mehr als 200 Beiträge von Kindern und Jugendlichen aus allen drei Ländern eingereicht wurden. Viele darunter kamen aus Polen, was Christiane Baumann und Catherine Raoult besonders freut.

Die Bösen Wölfe sind nur eines von vielen Projekten der letzten Jahre, die den trilateralen Austausch zwischen Jugendlichen aus den Ländern des Weimarer Dreiecks fördern. Schon seit 1991 bemüht sich beispielsweise das DFJW um eine konkrete Umsetzung des ?Geistes von Weimar » und unterstützt durch Sonderfonds Projekte mit Polen. Innerhalb der Austauschprogramme mit Drittländern spielt dieses eine privilegierte Rolle: 2013 fanden 23 % der vom DFJW finanzierten trilateralen Programme im Austausch mit Polen statt. Dabei geht es auch darum, die Erkenntnisse, die aus der deutsch-französischen Versöhnungsarbeit gewonnen wurden, auf Polen zu übertragen. Projekte, die vor Ort in Polen stattfinden, werden dabei vom DPJW organisiert.

Die Themen der Austausch-, Förder- und Weiterbildungsprogramme sind breitgefächert: Von Umweltschutz und Nachhaltigkeit über Kriegsgräberfürsorge bis hin zur Entwicklung der Zivilgesellschaft ist fast alles dabei. So verband das ?Weimarer Dreieckchen » während der diesjährigen Europawoche 65 Kinder aus Thüringen, der Picardie und der Region Ma?opolska, die in Nordhausen musikalische Brücken bauten und beim Thüringer Europafest in Erfurt gemeinsam komponierte Lieder vortrugen. Das Projekt, das erst dieses Jahr aus der Taufe gehoben wurde, soll auch in den nächsten Jahren fortgeführt werden – dann aber in Städten der französischen und polnischen Partnerregionen. Neben traditionellen Schüleraustauschprogrammen werden vermehrt auch Begegnungen zwischen Jugendlichen höherer Altersklassen und aus unterschiedlichen Gesellschafts- und Bildungsschichten gefördert. In diesem Sommer beispielsweise organisieren DFJW und DPJW das interkulturelle Umwelt-Workcamp ?Moi et mon environnement à la recherche d’un équilibre » für junge Arbeitslose, dessen dritte Phase im August im polnischen Olsztyn stattfinden wird.

Auch private Stiftungen engagieren sich im deutsch-französisch-polnischen Jugendaustausch: Die Stiftung Genshagen, die schon 2010 und 2011 zwei Theaterwerkstätten für Jugendliche aus den drei Partnerländern ausgerichtet hatte, lädt im August 24 Masterstudenten und Jungwissenschaftler zu der trilateralen Summer School ?Positioning Europe in a Multipolar World » ein. Mitbeteiligt sind Sciences Po Strasbourg, die Jagiellonen Universität Kraków und die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Als Botschafter ihres Landes werden die jungen Polen, Deutschen und Franzosen über die internationale Rolle Europas und die Bedeutung des Weimarer Dreiecks für eine gemeinsame EU-Außenpolitik debattieren.

Wie auf politischer und wirtschaftlicher Ebene ist der trilaterale Austausch zwischen Deutschland, Frankreich und Polen aus dem Bereich der Jugendbegegnungen nicht mehr wegzudenken. Und auch die polnischen Bösen Wölfe werden so schnell nicht weiterziehen. Die 19-jährige Alina, die mittlerweile Kulturwissenschaften an der Viadrina studiert und als Praktikantin im Projekt mitarbeitet, findet die Begegnungen mit jungen Polen sehr bereichernd: ?Ich bin jetzt schon 10 Jahre im deutsch-französischen Milieu unterwegs. Da ist es schön, wenn man seinen Blickwinkel weiten kann. » Ulysse, der auf das französische Gymnasium in Berlin geht, hat durch den trilateralen Journalistenaustausch seine Wissenslücken geschlossen: ?Vor ein paar Jahren kannte ich Polen kaum, das meiste habe ich durch die Bösen Wölfe gelernt », erklärt er und setzt mit einem Lachen hinzu: ?Früher dachte ich, dass nur Deutschland und Frankreich beste Freunde sind. Aber dann habe ich Angela Merkel sagen hören, dass Deutschland genauso eng mit Polen wie mit Frankreich befreundet sei. Damals hat mich das noch überrascht, aber jetzt weiß ich das auch! »

Traduction: Raphaelle Lacord

Par Redaktion ParisBerlin le 19 août 2014