Von Lilian Pithan

 

 

Eigentlich hat Nathalie (Isabelle Huppert) alles, was man sich im fortgeschrittenen Alter wünschen kann: einen netten Ehemann, zwei Kinder, eine schicke Wohnung in Paris und ein Strandhaus in der Bretagne, einen Job als Philosophielehrerin und eine Essay-Reihe bei einem renommierten Verlag. Doch dann verlässt ihr Ehemann Heinz (André Marcon) sie plötzlich, von heute auf morgen, für eine bei weitem jüngere Frau. Erst will Nathalie es nicht glauben, dann straft sie ihn mit Verachtung und peitscht schließlich die Scheidung so schnell wie möglich durch. Nachdem Heinz aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen ist, offenbart die früher so wohlgeordnete Bücherwand das emotionale Chaos zwischen den beiden: hier fehlt Rousseau, dort Lévinas. Die übrig gebliebenen Bände liegen kreuz und quer durcheinander.

 

Wie Nathalie mit ihrer neuen Lebenssituation umgeht, erzählt die französische Regisseurin Mia Hansen-Løve in ihrem neuen Film L’avenir (2016) auf einfühlsame Weise. Es sind vor allem die philosophischen Begriffe und Theorien, mit denen Nathalie im Unterricht jongliert, die ihr helfen, die plötzliche Einsamkeit zu ertragen und mit neuen Gedanken zu füllen. « Das Thema meiner Filme bleibt eigentlich immer gleich », meint Hansen-Løve. « Die Zeit läuft uns davon und wir sind alle auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. » Auch wenn Nathalie diesen nicht sofort findet, kann sie doch zu ihrem Lieblingsschüler Fabien (Roman Kolinka) ganz ehrlich sagen: « Ich habe meine Freiheit wiedergefunden. Eine absolute Freiheit. Das ist wirklich außergewöhnlich. » Diese Glaubwürdigkeit kann nur Isabelle Huppert erzeugen, der die Rolle der Nathalie wie auf den Leib geschrieben scheint.

 

Ohne Philosophie fällt das Leben schwerer

Dass manche Elemente in L’avenir ein wenig stereotyp wirken – das elegante Pariser Familienleben, das Flirtverhalten der alternden Mutter (Édith Scob), die anarchistischen Überzeugungen Fabiens und seiner Freunde – das tut der Feinheit der Darstellung von Nathalies Lebenskrise keinen Abbruch. Im Gegensatz dazu kommt Boris sans Béatrice (2016) des kanadischen Regisseurs Denis Côté, der ebenfalls im Wettbewerb der 66. Berlinale vertreten ist, bei weitem platter daher. Auch Boris Malinovsky (James Hyndman), ein erfolgreicher Firmenchef mit Vorliebe für teure Hemden und schöne Frauen, steht plötzlich alleine da: Seine Frau Béatrice (Simone-Élise Girard), die dem kanadischen Kabinett angehört, leidet an starken Depressionen und hat sich in das gemeinsame Landhaus in der kanadischen Wildnis zurückgezogen.

Mit seinem arroganten, cholerischen Verhalten macht sich Boris fast alle Menschen in seinem Umkreis zu Feinden, allen voran seine Tochter Justine (Laetitia Isambert-Denis) und die Psychologin seiner Frau. Erst als ein unbekannter Guru in goldbestickter Kurta, gespielt von Denis Lavant, in Boris’ Leben tritt, wird diesem bewusst, dass die Depressionen seiner Frau vor allem mit ihm und seinem Verhalten zusammenhängen. Doch anstelle sein Leben zu ändern, stürzt Boris sich in eine äußerst vorhersehbare Affäre mit der jungen Hausangestellten Klara (Isolda Dychauk) und vergrault Tochter und kanadischen Premierminister (Bruce La Bruce).

Zwei Charakterstudien von unterschiedlicher Tiefe

Dass Boris gegen Ende des Films schließlich doch noch die Erleuchtung ereilt, er Klara und eine weitere Geliebte in die Wüste schickt und sich wieder seiner Frau Béatrice zuwendet, scheint seltsam unmotiviert. Daran ändert auch nichts, dass er mehrmals beteuert: « Ich liebe diese Frau. Und ich will von ihr geliebt werden. » Denis Côté wollte, laut eigener Aussage, eine Charakterstudie drehen, die einen Menschen im Umgang mit seinen persönlichen Beziehungsproblemen zeigt. Trotzdem lassen sich aus Boris sans Béatrice nicht viele tiefgreifende Erkenntnisse zu einem besseren Umgang mit Sinnkrisen und Einsamkeit ziehen. Dazu eignet sich L’avenir bei weitem besser – nicht zuletzt weil Mia Hansen-Løve auf vorhersehbare Wendungen und überzeichnete Charaktere verzichtet. Die Figur der Nathalie erhält so eine beeindruckende Tiefe, die man bei Boris in vielen Szenen vermisst.

Spielzeiten bei der 66. Berlinale

« L’avenir »
21.02. 12h Friedrichstadt-Palast

« Boris sans Béatrice »
15.02. 12h30 Haus der Berliner Festspiele
15.02. 21h30 ACUDkino 1
21.02. 17h Friedrichstadt-Palast

Photo couv crédit : Metafilms
Photo texte crédit : Internationale Filmfestspiele Berlin

Par Redaktion ParisBerlin le 15 février 2016