Von Heiko Klaas und Nicole Büsing

 

 

Die Malerin und Zeichnerin Marthe Donas (1885-1967) gilt heute als wichtigste Pionierin der franko-belgischen Avantgarde.  Doch der Weg zu dieser Anerkennung war lang und steinig. Das Museum voor Schoone Kunsten/Musée des Beaux-Arts im belgischen Gent zeigt ihr Werk jetzt, erstmals in einem größeren Museum, in einer facettenreichen Einzelausstellung.  Der Donas-Experte Peter Pauwels hat die Ausstellung als Gastkurator zusammengestellt.

 

Hineingeboren wurde Donas in die französischsprachige Bourgeoisie Antwerpens.  Bereits als Kind hat sie viel gezeichnet. Mit 17 Jahren schrieb sie sich an der Königlichen Kunstakademie in Antwerpen ein.

 

Den Auftakt der großen Werkschau « Marthe Donas. L’Avant-Gardiste Belge » bilden noch eher akademisch aufgefasste Porträts und Selbstbildnisse, Blumenstillleben, Akte und Landschaftszeichnungen. Unmittelbar darauf folgen jedoch bereits stark kubistisch geprägte Arbeiten, die direkt nach Donas’ Umzug 1916 nach Paris entstanden sind. Besonders sehenswert sind ihre elegant durchkomponierten und souverän zwischen geometrischer Abstraktion und figurativen Elementen changierenden Tuschezeichnungen. Zeitgenössische Kritiker lobten in Bezug auf ihre Gemälde auch « das Raffinement ihrer koloristischen Reize ». Paris lieferte Marthe Donas den Nährboden, um ihren Form- und Gestaltungswillen zur Höchstform zu entwickeln. Hier mietete sie ein kleines Studio und tauchte   unmittelbar nach ihrer Ankunft in die Kunstszene in Montparnasse ein. In derselben Gegend hatten auch Francis Picabia, Man Ray, Lee Miller, Amedeo Modigliani und viele andere ihr Atelier. Die Szene traf sich im Bistro « Chez Rosalie ».

 

Donas malte jetzt erstmals Stillleben im kubistischen Stil. Das 1917 entstandene Gemälde « Nature morte cubiste » etwa zeigt in warmen, harmonischen Farbtönen ein Ensemble von ineinander übergehenden Flaschen, Krügen und Flakons. Doch der kommerzielle Erfolg blieb aus. Marthe Donas ging daher auf das Angebot einer südfranzösischen Adligen ein, zu ihr nach Nizza zu ziehen und ihr als Gegenleistung Malstunden zu geben. Ein Umzug, der sich als Glücksfall erweisen sollte.

 

In Nizza lernte sie den ukrainischen Bildhauer Alexander Archipenko (1887-1964) kennen. Archipenko gilt als Erfinder der sogenannten « Skulpto-Malerei », einem dem Kubismus nahestehenden Stil, der durch die Einbeziehung realer, aber auch gemalter Leerstellen, Schatten und Reflexionen Hybride zwischen Bildhauerei und Malerei hervorbrachte. Zusätzlich dynamisierte er seine Objekte aber auch durch die Einbeziehung von unorthodoxen Materialien wie Holz, Blech, Papier oder Spiegeln. Die kurze aber intensive Beziehung zu ihm sollte auch Marthe Donas’ weitere künstlerische Entwicklung prägen. Auch sie brach jetzt zeitweilig aus dem Dogma der Rechtwinkligkeit aus und gab ihren Gemälden irreguläre Formen. Was Archipenko vornehmlich in der Dreidimensionalität realisierte, verwirklichte Marthe Donas mit großem Raffinement auf Papier oder Leinwand. Metallische Effekte, das Ineinderfließen konkaver und konvexer Formen und vor allem das Spiel mit geheimnisvollen Leerstellen wurden fortan zu einem zentralen Merkmal auch ihrer Kunst. Etliche Arbeiten Archipenkos in der Genter Ausstellung ermöglichen es dem Betrachter, die beiden Künstler miteinander zu vergleichen.

 

Nach und nach entwickelte Marthe Donas ihren ganz eigenen, von großer Sensibilität geprägten Stil. Ihre 1917 entstandene virtuose Bleistiftzeichnung « Frau mit Hut » etwa zeigt das Porträt einer geometrisch-streng gekleideten jungen Frau, deren rechtes Auge sich nahezu im Nichts aufzulösen scheint. Mit ähnlichen Effekten arbeitet Donas dann auch auf dem 1918-1919 entstandenen Gemälde « Tête d’enfant ». Arbeiten wie diese demonstrieren Donas’ außergewöhnliche Begabung, die Zweidimensionalität von Papier und Leinwand mit plastischen Elementen oder Illusionen aufzuladen und zu rhythmisieren. Neben aller formalen Eleganz enthalten sie aber auch etwas Verstörendes.

 

Die Genter Schau versammelt auch eine Vielzahl malerischer Formexperimente und geometrisch-kubistischer Kompositionen, die zu Beginn der 1920er Jahre große internationale Aufmerksamkeit erzeugten und den damaligen Ruhm von Marthe Donas begründeten. So stellte sie unter anderem mehrmals in der Berliner Galerie « Der Sturm » aus.

 

Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte Marthe Donas nach Paris zurück. Hier gehörte sie auch dem nun kurzzeitig wiederbelebten Künstlerkreis « Section d’Or » um Fernand Léger, George Braque und Constantin Brancusi an.  Eine Zeit lang signierte sie ihre Werke mit dem geschlechtsneutralen Pseudonym « Tour Donas ». So entging sie vorübergehend den gängigen Ressentiments und Stereotypen, mit denen Künstlerinnen damals ausgegrenzt wurden.

 

Bereits 1921 sah sie sich aufgrund ihrer prekären wirtschaftlichen Situation und einer schweren Krankheit abermals gezwungen, ihr Studio zu kündigen und das geliebte Paris wieder zu verlassen. Es sollte ein Abschied für immer sein. Ihre Trennung von Archipenko und die Rückkehr nach Belgien entrückten sie rasch von der Pariser Kunstszene. Im Jahr 1928 gab sie das Malen für zwei Jahrzehnte ganz auf.   Erst Ende der 1940er Jahre begann Marthe Donas wieder, künstlerisch tätig zu sein. Es entstanden sowohl figurative als auch abstrakte Gemälde, die dem einer dekorativen Unverbindlichkeit huldigenden Zeitgeist der Nachkriegszeit entsprachen. An die Erfolge ihrer jungen, ungestümen Zeit kann Marthe Donas jedoch nicht mehr anknüpfen.

 

Einige dieser späten Werke bilden, wohl eher der Vollständigkeit halber, den Schlusspunkt der Genter Ausstellung. Peter Pauwels Entscheidung, sich vorwiegend auf das avantgardistische Frühwerk von Marthe Donas zu konzentrieren und dieses im Umfeld zahlreicher wichtiger Zeitgenossen und Künstlerfreunde zu präsentieren, ist daher nur zu begrüßen. Mit Marthe Donas zeigt das Museum voor Schone Kunsten in Gent eine lange Zeit zu Unrecht vergessene Künstlerin. Marthe Donas gehörte in ihrer Generation zu der verschwindend kleinen Minderheit von Frauen, die überhaupt den Mut hatten, aus den herrschenden gesellschaftlichen Konventionen auszubrechen und in einem fast nur von Männern dominierten Umfeld Künstlerin zu werden. Ihre spannendsten Arbeiten allerdings sind nur während einer kurzen, intensiven Zeitspanne entstanden. Dennoch gehören genau diese Werke von Marthe Donas ohne Zweifel in den Kanon der Pariser Avantgarde um 1920. 

 


Auf einen Blick:

Ausstellung: Marthe Donas. L’Avant-Gardiste Belge

Ort: Museum voor Schone Kunsten (MSK), Musée des Beaux-Arts, Gent

Zeit: bis 5. Juni 2016, Di-So 10-18 Uhr

Katalog: Hrsg. Ludion Verlag und Marthe Donas Stiftung, 320 S., 44,90 Euro

Internet: www.mskgent.be

Par Redaktion ParisBerlin le 13 mai 2016