Von Christina Heuschen

 

 

50° 47‘ 8,8“ Breite und 003° 44‘ 57, 5“ Länge, von der Sternwarte Paris aus gezählt. Dieser Ort liegt mitten in einer Parkanlage auf dem Lousberg in Aachen. Darauf befindet sich ein Obelisk. Er steht auf der durch die Koordinaten angegebenen Position, die aus der ersten Vermessung des Rheinlandes stammen. Und es sind die Koordinaten, die Aachen mit Frankreich verbinden. Denn Napoleon Bonaparte hatte diese Vermessung in der sogenannten „Franzosenzeit“ bei Jean Joseph Tranchot in Auftrag gegeben. Der Tranchot-Obelisk erinnert seitdem an diese. Und er ist nicht die einzige französische Spur in Aachen – einige sind sichtbarer, andere weniger. Aber alle prägen die Stadt bis heute.

 

Einige dieser Spuren sind im Stadtbild ablesbar. Die meisten stammen aus der Zeit Napoleons. 1794 hatten die Armeen der Französischen Revolution Aachen besetzt. Die Stadt wurde damit Hauptstadt des den Niederrhein umfassenden „Départements de la Roer“. Bis 1814 war Aachen somit französisch. „Die französische Verwaltung investierte in Neubauten, in eine Umgestaltung der Stadt“, sagt Frank Pohle von der Abteilung für Geschichte und Kultur der Region Rhein/Maas der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. Die Stadtmauern seien weggefallen, erste Gräben verfüllt worden, alleenähnliche Straßen wie der Grünzug Ludwigsallee/Monheimsalle entstanden, das Badewesen sei ausgeweitet worden und auch die Anlage von Spazierwegen ging auf die französischen Besatzer zurück, sagt Pohle.

 

Aachen – bonne ville de France

 

Ein Teil dessen ist bis heute in der Parkanlage auf dem Lousberg zu sehen: Bäume wurden angepflanzt, Spazierwege angelegt und ein Lokal mit Aussichtsterrasse, das „Belvedere“ wurde gebaut. Aachen sollte schöner werden. Und damit wurde die Stadt auch zu einem attraktiven Kurort für Franzosen. Neben Napoleon sollen auch Kaiserin Josephine und Pauline Borghese in Aachen gewesen sein. Die Lieblingsschwester Napoleons sei regelmäßig in einem kleinen Wäldchen im Norden Aachens spazieren gegangen sein, erzählt Pohle. Napoleon soll seiner Schwester dort einen Obelisken aus blauem Stein geschenkt haben. Der Obelisk steht heute noch immer dort. Das Wäldchen, durch das seine Schwester spazieren ging, heißt nun Paulinenwäldchen.

 

Dass die Beziehung zwischen Frankreich und Aachen nicht einseitig ist, belegen nicht nur die Kuraufenthalte. „In der Franzosenzeit wurden auch Kunstwerke aus Aachen nach Paris gebracht. Heute noch gibt es unter anderem eine Reihe von Säulen aus dem Säulengitter im Obergeschoss des Aachener Doms, die im Louvre fest verbaut sind“, erzählt Pohle. Trotz mehrerer Aufforderungen seien diese nicht nach Aachen zurückgebracht worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei jedoch eine Einigung getroffen worden, sodass die Säulen im Louvre bleiben konnten. Im Gegenzug seien für drei der kleineren Säulen die dazugehörigen Bronzebasen zurückgekommen. Diese sind bis heute in Aachen – offiziell als Leihgabe aus Paris.

 

Aachener parlieren

 

Doch Frankreich hat nicht nur das Stadtbild geprägt. So hat Aachen mit Aix-la-Chapelle nicht nur einen französischen Namen, sondern auch der Aachener Dialekt weist so einige französische Vokabeln auf. „Es gibt Französismen, die schon im Mittelalter übernommen wurden. Im 18. Jahrhundert war Französisch noch die tonangebende Sprache. Regelmäßig wurden also Wörter übernommen, weil der Raum Aachener Land nach Westen hin immer offen war“, sagt Georg Cornelissen vom Landschaftsverband Rheinland. Das Öcher Platt habe die meisten Begriffe jedoch nicht direkt aus dem Französischen übernommen, erklärt der Sprachwissenschaftler. „Der Weg ging über das Deutsche, weil die deutsche Elite gerne französische Weltliteratur las und Französisch sprach oder parlierte.“ Dadurch habe dann das Volk das Vokabular übernommen.

 

Daneben war aber vor allem die Stadt Maastricht eine Art Sprachmittler. Denn Maastricht war in der Region lange Zeit Handelszentrum. „Die Idee einer Grenze an sich ist ja nicht so alt. Sie wurde sprachlich und im Handel jeden Tag überwunden. Auch zwischen Aachen und Maastricht“, sagt Cornelissen. Und so wurden französische Wörter über das Niederländische entlehnt. Ein Beispiel dafür sei das Wort Farbe: Vom französischen „couleur“ über das „kleur“ im Niederländischen gelangte das Wort als „klür“ ins Öcher Platt, erklärt Cornelissen.

 

Egal ob im Stadtbild oder in der Sprache: Frankreich hat Spuren hinterlassen. Auch wenn diese vor allem aus historischer Perspektive zu betrachten sind, hat das Land also nie so ganz „adieu” gesagt. Oder „Adieda”, wie es in Aachen heißt.

Par Rédaction ParisBerlin le 7 mars 2018