Von Nicole Büsing und Heiko Klaas

 

 

« Das eigentlich Wichtige ist aber, dass der Mensch nicht durch die Wirtschaft oder die Politik verändert werden kann, sondern durch die Kunst », behauptet der französische Künstler Ben Vautier, der im vergangenen Sommer 80 Jahre alt geworden ist. Ben Vautier glaubt also an eine Art Totalherrschaft der Kunst – natürlich nicht im Sinne eines diktatorischen Systems sondern eher als der besten aller möglichen Welten. Nur wenige Künstler des 20. oder 21. Jahrhunderts waren oder sind so sehr eins mit ihrer Kunst, so sehr in jedem Augenblick Künstler wie Ben Vautier.

 


Weit mehr als 400 Werke sind ab dem 21. Oktober in der ersten umfassenden Retrospektive seines oeuvres in der Schweiz zu sehen. Darunter Schriftbilder, Fotografien, Filme, Objekte in den unterschiedlichsten Formaten, Skulpturen, Assemblagen, Plakate, Keramiken und Installationen. Es gibt einen kuratierten Teil, der die Genese seines Werks nachvollziehbar macht. Doch auch der Künstler selbst richtet im Basler Museum Tinguely über 30 Räume ein. Diese sind unterschiedlichen Themen gewidmet, die Politik, Kunst und Gesellschaft kommentieren.

 


Die Basler Schau trägt den Titel « Ben Vautier. Ist alles Kunst? ». Die Ausstellungsmacher spielen damit darauf an, dass Vautier phasenweise tatsächlich alles, was in die Reichweite seiner Hände geriet, signierte und somit zu seiner Kunst erklärt. Auch vor seiner neu geborenen Tochter, dem Horizont oder dem Strand der Côte d’Azur machte er dabei nicht halt. Er benutzt dafür eine an Schreibschrift erinnernde, auf leichte Wiedererkennbarkeit hin ausgerichtete Handschrift. Je nach Aufenthaltsort verwendet er neben der französischen auch verschiedene andere Sprachen. Eines seiner seit 1960 bis heute fortdauernden Projekte etwa nennt sich « Die Obstkisten ».  Theoretisch ist es an nahezu jedem Ort der Welt realisierbar. Der Künstler besucht den jeweiligen Gemüsemarkt, schnappt dort Sätze auf, die er im Marktgeschehen gehört hat, und schreibt diese auf weggeworfene Obstkisten, die ihm als kostenlose Bildträger dienen. Vautier: « Da meldet sich der kleine Pfennigfuchser in mir. »

 



 

Verwurzelt in Nizza

 

Geboren wurde Ben Vautier am 18. Juli 1935 in Neapel. Seine Eltern waren die Französin Janet Giraud und der aus einer Schweizer Malerfamilie stammende Max Ferdinand Vautier. Seine Kindheit war von Umzügen geprägt: Neben Neapel lernte er so in rascher Folge auch Izmir, Alexandria und Lausanne kennen. Als er 14 Jahre alt war, zogen er und seine Mutter ins südfranzösische Nizza, wo er seitdem lebt. Vautier gilt heute als einer der wichtigsten französischen Gegenwartskünstler. Einen Umzug nach Paris, im zentralistischen Frankreich eigentlich der angesagteste Ort für einen Künstler, hat er immer wieder abgelehnt. Dass er dem mediterran geprägten Süden treu geblieben ist und sich vom Führungsanspruch der Hauptstadt abgegrenzt hat, entspricht wohl auch viel eher seinem skeptischen und rebellischen Naturell. In Nizza ist er so etwas wie das Zentralgestirn der dortigen Kunstszene. Als einer der Mitbegründer der Fluxus-Bewegung und als Mitstreiter der École de Nice rund um Arman, Yves Klein oder Martial Raysse hat er sich bereits in den späten 1950er Jahren in Nizza eine Sichtbarkeit verschafft, die bis heute anhält. Dort wie eigentlich überall in der Kunstwelt spricht man respektvoll nur von Ben, wenn Benjamin Vautier gemeint ist, wie sein vollständiger Name lautet.

 

Die Banane in allen Formen

 


Die Basler Ausstellung zeigt den ganzen Ben. Der erste Teil der Schau, der von Andres Pardey kuratiert wird, nähert sich dem Werk in der Rückschau auf die Anfänge. Hier werden exemplarische Schlüsselwerke aus den Jahren 1958 bis 1978 gezeigt. Die Schau setzt ein mit einer ganzen Reihe von Bananenzeichnungen. Auf der Suche nach einer Form, « die noch nicht gemacht worden war », verfiel Vautier – übrigens Jahre vor Andy Warhol – auf die Banane und entwickelte daraus in Dutzenden von Varianten und Ausarbeitungen eine Art formelhafte Signatur, die nun außer ihm keiner besaß. Bereits hier manifestiert sich die Suche nach dem Neuen, der unbedingte Wille zur Innovation, der fortan zu seinem Antrieb werden sollte – wohl wissend, dass es heutzutage in der Kunst kaum noch möglich ist, etwas geniun Neues zu schaffen. Kurze Zeit später entstehen bereits die ersten Schriftbilder. Daneben sind aber auch – ganz im Stil der Fluxus-Bewegung – dreidimensionale Collagenobjekte aus Fundstücken wie alten Koffern, Lampenschirmen, Puppenköpfen, gefundenen Fotografien und Fellresten zu sehen. Ebenso wird eine Auswahl seiner Performances, Vautier spricht lieber von « Gestes », anhand historischer Filmaufnahmen und Fotografien präsentiert. Ob er nun so lange mit dem Kopf gegen eine Wand schlug, bis die Stirn blutete, sich am Abend seiner Vernissage mit Schlaftabletten zudröhnte, um sich bei Ankunft des Publikums als schlafender Künstler zu präsentieren, oder aber in voller Montur und noch dazu mit einem Regenschirm in der Hand in die Brandung des Mittelmeers schritt, bis er unterging: Ben Vautier ging in den 1960er Jahren durchaus an die Grenzen des körperlich Aushaltbaren.

 

© Eva Vautier

 

 

 

Ort für Diskussionen

 

Das Herzstück der Ausstellung stellt jedoch das « Magasin » dar. Die im Besitz des Pariser Centre Pompidou befindliche Großinstallation besteht aus bemalten Schildern, bunten Holzkisten, und einer Vielzahl von Alltagsgegenständen wie Eimern, Farbdosen, Masken, alten Schreibmaschinen und Ventilatoren. Sie entstand auf der Basis der originalen Fassade seines Ladens « Le Magasin » für gebrauchte Schallplatten, den Vautier von 1958 bis 1973 in Nizza betrieben hat. Vautier hat diese Institution zwischendurch auf die andere Straßenseite verlegt und umbenannt. So hieß sie zeitweise Galerie « Ben Doute de Toute » (etwa: Ben zieht alles in Zweifel), noch später firmierte sie als « Espace à Débattre ». Immer aber stand dieser Ort für eine quirlige Mischung aus Künstlertreffpunkt, Ausstellungsraum und Diskussionsplattform. Seit 2013 wird der legendäre Ort in der Rue Vernier Nr. 2 von seiner Tochter unter dem Namen « Galerie Eva Vautier » betrieben.
Kunst und Leben, der Zufall und das Prozesshafte sind in der Installation « Magasin » – wie eigentlich immer bei Vautier – aufs Innigste miteinander verschmolzen.

 

Hommage an Tinguely


Der zweite Teil der auf 1 200 Quadratmetern präsentierten Ausstellung wird dem Künstler gewissermaßen als Spielwiese zur Verfügung gestellt. Hier darf er selbst zum Chronisten seines Werks werden, darf Bilanz ziehen und gerne auch einen Blick in die Zukunft werfen. Nebenbei hat Ben Vautier sogar noch eine kleine Ecke mit ganz neuen Arbeiten geschaffen, die er « Hommage an Tinguely » betitelt. Ben Vautier auf allen Kanälen: Schon seit 1996 betreibt er unter der Adresse:  www.ben-vautier.comeine eigene Website. Außerdem betreibt er eine Internet-Radio-Station und verschickt regelmäßig Newsletter an seine treue Fangemeinde. Der außerordentlich kommunikations-freudige Ben Vautier zieht die maximale weltweite Vernetzung der « splendid isolation » des einsamen Künstlerdaseins vor. Auch auf seine gut ausgebauten Beziehungen zu anderen Künstlern, aber auch zu Philosophen, Literaten, Politikern und Kunstsammlern in aller Welt geht die Basler Ausstellung ein. Denn soviel steht fest: Obwohl er jetzt 80 Jahre alt ist, plant Ben Vautier keineswegs, sich zur Ruhe zu setzen. Stets auf der Suche nach der Wahrheit, wird er vermutlich nie aufhören, schelmische Fragen zu formulieren, auf die er selbst keine abschließende Antwort kennt. Er wird damit weitermachen, Zweifel zu säen, Leben und Kunst mal miteinander in Einklang und mal gegeneinander in Stellung zu bringen, kurz gesagt: Alles und jedes zu ironisieren und permanent in Frage zu stellen – sich selbst und seine Kunst natürlich inbegriffen. Roland Wetzel, der Direktor des Museums Tinguely, freut sich bereits auf die Ausstellung: « Ich bin von Bens Werk und seiner Person fasziniert. Das hat etwas gedauert. Ich musste dafür zuerst meine Vorstellung von ?künstlerischer Qualität’ überdenken. Bens Werke sind stark und direkt wie Faustschläge. Seine Ehrlichkeit ist eine Waffe, die zugleich entwaffnet. Er ist nie unpersönlich. Er ist immer engagiert, für sein eigenes Werk, aber auch für die ?Wahrheit’. Er nimmt sich und die anderen mit großem Ernst nicht ernst. Das ist einzigartig und wunderbar. »

 

Par Redaktion ParisBerlin le 22 octobre 2015