Von Manuel Fritsch

 

 

Friedrich Engels, der Wegbegleiter Karl Marx’ wirkt etwas steif. Ein Seil um seine Hüfte hebt die riesige Statue in die Höhe, fast sieht sie aus wie eine Rakete auf der Abschussrampe zum unaufhaltsamen Weg in die Sonne des Marxismus. Im Hintergrund thront der Fernsehturm auf dem Alexanderplatz.

 

Das Foto, Teil der Reihe Das Denkmal von Sibylle Bergemann, ist derzeit im Goethe-Institut in Paris zu sehen. Dieses widmet der Fotografen-Agentur Ostkreuz zum 25. Jubiläum ihrer Gründung gleich zwei Ausstellungen in Paris – eine in den Räumen des Instituts, eine in der Passage du Désir im 10. Arrondissement.

 

Kurz nach dem Mauerfall und kurz vor der Wiedervereinigung beschloss eine kleine Gruppe von ostdeutschen Fotografen, die gerade in Paris waren, sich zusammenzuschließen, um auf den bevorstehenden Wandel reagieren zu können. Vorbild war die berühmte Pariser Agentur Magnum. Nach dem großen Berliner Verkehrsknotenpunkt, der Ostberlin mit dem Rest der Stadt verbindet, nannten sie sich Ostkreuz. Während des folgenden Vierteljahrhunderts entwickelte sich die Agentur zu der bekanntesten deutschen Bildagentur, die von den Fotografen selbst geführt wird. Diese sind vielfach ausgezeichnet worden und bilden seit einigen Jahren auch ihren Nachwuchs in einer eigenen Schule aus.

 

In Paris kann man beinahe die ganze Bandbreite der Ostkreuz-Fotografie entdecken. Die Ausstellung im Goethe-Institut zeigt Arbeiten von vier der Gründungsmitglieder aus der DDR-Zeit. Zusammenleben von Ute Mahler erkundet private Räume im sozialistischen deutschen Staat, zeigt Alltag und Zärtlichkeit im Privaten während Alltag von Harald Hauswald die offizielle DDR Selbstinszenierung auf ihren Alltag aufprallen lässt: unter dem Banner « Frieden ist nicht Sein &-gt; sondern Tun! » sitzen zehn Senioren gemütlich auf einer Bank, die Hände im Schoß, und blicken gemächlich vor sich hin. Werner Mahler, als der Vierte der hier gezeigten, hat die Abitur-Abschlussklasse von 1977 fotografiert und ist den Absolventen über die Jahre gefolgt, um sie immer wieder in ihrer aktuellen Umgebung zu porträtieren. Die Bilder erzählen die Geschichten der ehemaligen Abiturienten, aber auch die Geschichte der ganzen Klasse, die sich mehr und mehr ausdünnt. Warum? Das bleibt offen. Gerade im Wendejahr tun sich Lücken auf. Manche, um einige Jahre später wieder geschlossen zu werden, andere bleiben.

 

Die zweite Ausstellung, die noch bis zum 29. November zu sehen ist, zeigt eine Auswahl der Fotografien der letzten 25 Jahre, allerdings mit einem unübersehbaren Schwerpunkt auf deren zweiter Hälfte. Lediglich Harald Hauswald geht bis 1990 zurück und zeigt Bilder der Straßenschlachten der Hausbesetzerszene in der Mainzer Straße in Berlin, auf den Tag genau 25 Jahre vor der Vernissage der Ausstellung. Die Serien spiegeln die Breite der Interessen der Fotografen. Von der intimen letzten Urlaubsreise eines Mannes mit seiner demenzkranken Frau über ein breites Panorama der Metalheads von Brasilien bis Indonesien, bis hin zur größten Waffenmesse im Nahen Osten in Abu Dhabi und der Geburt des Südsudan, mit seinen verzweifelten Versuchen, Staatlichkeit zu repräsentieren.

 

Stephanie Steinkopf verlängert mit Manhattan die DDR Serien der Schwesterausstellung. In einem alten Wohnblock, einst ein Prestigeprojekt des sozialistischen Staates, leben von den ehemals 200 nur mehr 40 Bewohner. Die Bilder der Fotografin folgen den Bewohnern in Abgerissenheit und Verzweiflung, spüren dabei aber eine zwischenmenschliche Solidarität und Wärme auf, die die äußeren Lebensumstände gleichsam zu lindern scheinen.

 

Der innere Raum von Anne Schönharting ergründet einen Teil der Berliner Oberschicht. Porträts in den ihnen heiligen Hallen, ihrem Schlaf- oder Wohnzimmer, mit ihren Kindern oder Hunden. Tiefer ins Private geht Linn Schröder mit der Serie Ich denke auch Familienbilder, die Augenblicke der Familie zeigt, brüchig und oft nicht wirklich festzuhalten. Mit den seltsamen Tagen von Ute und Werner Mahler schließlich verschwimmt die Grenze zur Kunstfotografie vollends. Die großformatigen Bilder zeigen fantastische Landschaften, Gegenstände und Blickwinkel.

 

Die Galerie mit ihren schwarzen, rauen Wänden bietet einen großartigen Rahmen für die Ausstellung, an deren Konzeption die Fotografen selbst mitgewirkt haben. Durch die Kargheit der Räume fühlt man sich in ein Berlin versetzt, aus dem einst die Inspiration kam, auf die die Agentur ihren Erfolg gebaut hat. Dass man die letzten 25 Jahre ihrer Arbeit nun an ihrem ursprünglichen Gründungsort nachvollziehen kann, sei den Organisatoren gedankt.

Bilder:
Dawin Meckel: Detroit
Sibylle Bergemann: Das Denkmal
Jordis Schlösser: Havanna

Ausstellung: 25 Jahre Ostkreuz – Agentur der Fotografen 1990-2015

Goethe-Institut Paris17, avenue d’Iéna, 75116 Paris
Noch bis zum 18. Dezember
Montag bis Freitag 9 bis 21 Uhr, Samstag 9 bis 14 Uhr

BETC – Passage du Désir
85-87 rue du Faubourg Saint-Martin, 75010 Paris
Noch bis zum 13. November
Täglich außer dienstags 13 bis 20 Uhr

Der Eintritt ist frei

Par Redaktion ParisBerlin le 20 novembre 2015